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Erotischer Albtraum als Puppentheater
Jakob Hinrichs’ Comic interpretiert Arthur Schnitzlers Traumnovelle

Traumnovelle rezensiert von Johanna Michel

Der Berliner Illustrator Jakob Hinrichs adaptiert in seinem ersten Comic einen literarischen Klassiker: Arthur Schnitzlers Traumnovelle. In einer bunten und grotesken Bildsprache erzählt er die Geschichte um die sexuellen Phantasien eines Ehepaares. Erweitert er Schnitzlers Text nur um eine visuelle Version? Oder dient der Klassiker als Grundlage für ein völlig unabhängiges Werk?

Die Adaption kanonisierter Literatur als Comic ist eine der Strategien von Verlagen wie Carlsen, Reprodukt oder Avant, um den Comic auf dem deutschen Markt salonfähig zu machen. Das Werk des Wiener Autors Arthur Schnitzler erfreut sich dabei besonderer Beliebtheit. In den Jahren 2010 und 2011 sind im Avant-Verlag mit Fräulein Else und Reigen bereits zwei Graphic Novels erschienen, die sich an seiner Vorlage orientieren. Die von Jakob Hinrichs bearbeitete Traumnovelle ist nach E. T. A. Hoffmanns Fräulein von Scuderi (2011) nun die zweite Literaturadaption, die bei der Büchergilde Gutenberg erscheint. Auch hier ist der Comicfassung der originale Text am Ende des Bandes angefügt.

In seinem ersten Comic erzählt der Berliner Illustrator die Geschichte des Paares Albertine und Fridolin neu, deren Beziehung zwischen Geheimnissen und sexuellen Wünschen auf der einen, gesellschaftlichen Normen und Pflichten auf der anderen Seite zu zerbrechen droht. Sie spielt in einer satt farbigen Welt, die Hinrichs im Stile manueller Druckverfahren gestaltet hat. Überlagernde Flächen setzen sich zu grotesken Szenerien zusammen. Die schablonenhaften Figuren – teilweise wenig menschenähnlich – bewegen sich durch die Welt wie in einem naiven Puppenspiel. Ihre an Mimik armen Gesichter passen zu den Motiven des Maskierens und Verstellens, die der Stoff vorgibt.

Schnitzlers Novelle ist stark durch die subjektive Perspektive seiner Hauptfigur geprägt. Da im Comic neben der verbalen Erzählung eine abstrahierte visuelle Vermittlung stattfindet, ist die Bindung an die Wahrnehmung Fridolins viel weniger gegeben. Die schablonenhafte bildliche Darstellung führt zu einem distanzierteren Blick auf das Geschehen. Auch die Verunsicherung zwischen der Welt des Traums und der Realität, die in Schnitzlers Traumnovelle von so großer Bedeutung ist, findet im Comic keine visuelle Entsprechung. Auf bildlicher Ebene befindet sich die Leser_in von Anfang bis Ende in einer Welt, die wie ein absurder Traum anmutet – an keiner Stelle wird die Darstellung derart gebrochen, dass ähnliche Zweifel an der Echtheit der Geschehnisse aufkommen, wie sie Schnitzler in seiner Novelle konsequent inszeniert. Der Comic setzt ganz andere Schwerpunkte als die Prosa Schnitzlers. Nicht die komplexen, subjektiv erlebten Konflikte der Protagonist_innen – ihre geheimen und unterdrückten Wünsche oder ihr Wandel zwischen Realität und Illusion – stehen im Zentrum, sondern die Gestaltung eines einzigen grotesken Traums.

Fridolin beim KostĂĽmverleih

Auch die Handlung ist bei Hinrichs im Gegensatz zu Schnitzlers Originaltext stark verändert und lässt viele Passagen aus. Im Kontrast zu der Erzählung vermischen sich im Comic die Geschichte von Fridolins abendlichen Abenteuern mit der erotischen Traum-Geschichte Albertines. Schon zu Beginn des Comics wird deutlich, dass die Partnerschaft der Protagonist_innen gefährdet ist. Die Figuren besuchen einen Rummelplatz, auf dem Schausteller_innen das Paar umgarnen – eine Episode, die man bei Schnitzler nicht findet. Die symmetrisch aufgebaute Doppelseite des Comics zeigt sie dabei, wie sie jeweils in Versuchung gebracht werden, ihre eheliche Treue zu brechen. Hinrichs’ Comic geht hier über das Nacheinander der verbalen Erzählung hinaus und schafft es, über ein Bild sehr viel vom Zustand der gefährdeten Ehe zu vermitteln.

Auf ähnliche Weise stellt der Zeichner die alltäglichen Tagesabläufe des Ehepaars gegenüber, um die Entfremdung der beiden zu inszenieren. Auf einer Doppelseite ist Albertine in ihrer eintönigen Routine in zwei großen Panels mehrfach in und um ihr Haus dargestellt. Fridolins ereignisreicher Tag wird dagegen in etwa 30 quadratischen Panels gezeigt. Dass sich das gutter wie ein Käfig über seine Alltagsbeschreibung zieht, legt schon vorausdeutend seinen Ausbruch aus dieser Welt der Pflichten nahe. Auch der Bruch gegenüber der nächsten Seite, die als eine Art splash panel funktioniert, ist gelungen. Der Schriftzug mit der Frage »Erinnerst Du Dich an Dänemark?« ist hier einziges Element. Dies kontrastiert nicht nur optisch mit der vorherigen Doppelseite, sondern auch weil sich beim Umblättern das Verhältnis von Text zu Bild völlig umkehrt. Die Seite geht formal mit dem Einschnitt in den Alltag einher und leitet inhaltlich den Konflikt zwischen Albertine und Fridolin ein.

Zeitlich und räumlich ist die Geschichte aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst: Die Schausteller des Jahrmarkts sprechen mit Berliner statt mit Wiener Akzent, und eine 60er-Jahre-Ästhetik dominiert den Comic. Im Kostümverleih, den Fridolin in Vorbereitung auf den verhängnisvollen Maskenball besucht, hängen Kostüme von Spiderman und Mickey Mouse – das zeigt nicht nur zeitliche Transponierung an, sondern verweist auch auf Comic-Geschichte. Weitere Anspielungen und Bildzitate sind beim Maskenball zu finden, wo Hinrichs etwa Motive aus Hieronymus Boschs Der Garten der Lüste (um 1500) integriert: Die Liegende in der Muschel und die überdimensional große Eule sind Elemente, die auf jenes Triptychon verweisen, das für seine groteske Darstellung der Wollust bekannt ist.

Der Maskenball ist nicht wie im Originaltext als rituelles Fest dargestellt, sondern als ausschweifende Party im stylischen Interieur. Die bunten Figuren tragen Tiermasken und betrachten aus Egg Chairs die Orgie rund um den Pool. Im Gegensatz zur Beschreibung bei Schnitzler erscheint das Treiben nicht besonders schockierend oder beängstigend, sondern allenfalls kurios. Denn auch wenn die Bilder obszöne Inhalte zeigen und der Text davon erzählt, dass Fridolin Angst hat, demaskiert und bestraft zu werden, erinnert die alles dominierende ästhetische Gestaltung der Seiten immer noch an ein buntes Bilderbuch für Kinder. Auch hebt sich die Episode gestalterisch nicht vom Rest des Comics ab: Die Dramatik der Szene wird visuell nicht markiert. Hinrichs setzt der Ernsthaftigkeit des Stoffes ein eher skurriles Bild gegenüber.

Eine weitere wesentliche Abweichung ist, dass Albertine und Fridolin nach dem ersten Viertel des Comics nicht wieder miteinander in Kontakt treten. Stattdessen steht der Aussprache und der in der Vorlage angedeuteten Versöhnung des Ehepaares im Comic die Abbildung eines Krankheitskeims in einer Petrischale auf der letzten Seite gegenüber. Die fehlende Panelbegrenzung und die Darstellung der Schale in Originalgröße auf einem ansonsten leer belassenen Blatt scheinen die Grenze zwischen der erzählten Welt und der Welt der Leser_innen zu verwischen. Im Hinblick auf die Zukunft der Beziehung setzt der Comic mit der Krankheits-Metapher einen deutlich pessimistischeren Schlusspunkt als Schnitzlers Text.

Hinrichs legt eine Interpretation vor, die den Schwerpunkt weniger auf die dramatische Geschichte Albertines und Fridolins legt, sondern auf die visuelle Gestaltung einer grotesken Traumwelt. Die ausgeprägte Bindung an die Perspektive der Hauptfigur wird bei Hinrichs gelockert. Die Stärke der Version liegt in ihrer Gestaltung: Die flächige Grafik, die reduzierte prägnante Farbigkeit, die abwechslungsreiche Seitengestaltung und das Lettering bilden zusammen ein stimmiges Gesamtwerk. Die Frage, die sich am Ende der Lektüre stellt ist: Warum ist dem Comic der Originaltext Arthur Schnitzlers beigefügt? Es scheint, als traue man sich nicht, den Comic für sich stehen zu lassen. Diese Entscheidung schwächt den Comic, der gerade als unabhängige Version und nicht als begleitende Illustration funktioniert.

 

Traumnovelle
Jakob Hinrichs (W/P), Arthur Schnitzler (W)
Frankfurt a. M.: Edition BĂĽchergilde, 2012
160 S., 24,95 Euro
ISBN 978-3-86406-014-4