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Sie wollen uns erzählen. Zehn Tocotronic-Songcomics rezensiert von Denise Dumschat-Rehfeldt

25 Jahre nach Tocotronics DebĂĽtalbum Digital ist besser ist ein vielgestaltiges Comicalbum erschienen, in dem zehn KĂĽnstler_innen zehn Songs aus dem bisherigen Gesamtwerk der Band interpretieren.

Aufmachung

Songcomics – Comics zu Songs also, gezeichnete Coverversionen. Das klingt nach einer reizvollen Gattung. Gibt man »Songcomic« als Stichwort in eine Suchmaschine ein, erhält man zurzeit erst einmal seitenweise Treffer zu dem Band Sie wollen uns erzählen. Es handelt sich allerdings keineswegs um das erste Exemplar einer neuen Gattung. Auf Plattformen wie Instagram und Tumblr finden sich viele Einzelbeispiele für gezeichnete Songs. Witzig verspielt sind die hiermit empfohlenen Einbildsongcomics von Hugleikur Dagsson. Auch gab es schon »Storybooks« im Mangastil zu Titeln von Subway to Sally (Berlin: Egmont Manga 2008, Weimar: Schwarzer Turm 2012). In Frankreich und im angloamerikanischen Raum sind Songcomics auf dem Buchmarkt bereits stärker etabliert als hierzulande. So kam Michael Büsselberg, der Herausgeber des vorliegenden Bandes, auf die Idee zu Sie wollen uns erzählen, weil er einst in Nancy auf ein Songcomicalbum zu Liedern von Jacques Dutronc (Chansons de Dutronc en bandes dessinèes, Rouen u. Nantes: Éditions Petit à Petit 2003) gestoßen war. Im Ventil Verlag konnte er nun 25 Jahre nach seinem Tocotronic-Konzertbesuchdebüt und einige Zeit nach seiner Erstbegegnung mit Songcomics die Idee für eine Auswahl von zehn Stücken aus bisher zwölf Studioalben verwirklichen.

Herausgekommen ist ein opulentes Buch – mit einer Coverillustration von Tine Fetz (die außerdem einen Beitrag zu einem Lied gezeichnet hat), gebunden, mit elegantem schwarzem Vorsatzpapier und mit blauem Kapitelband, das dem Blau der Frühe-Tocotronic-Gedächtnis-Trainingsjacke im Coverbild nahekommt. Die Reihenfolge der Comics entspricht der Chronologie der ausgewählten Songs – von Digital ist besser (1995) bis zu Electric Guitar (2018). Allen Beiträgen sind als Bonusmaterial sowohl Linernotes von Dirk von Lowtzow mit Auskünften zu Textbezügen und Entstehungsumständen als auch kurze Texte der Zeichner_innen mit kleinen Anekdoten zu ihrer Tocotronic-Rezeption oder ihrer Deutung des Textes vorangestellt. Dazu gibt es jeweils noch ein gezeichnetes Selbstportrait. Arne Zank, der Schlagzeuger von Tocotronic, hat als Zugabe einen Comic zur Bandgeschichte beigesteuert: Tocotronic spielen sich selbst. Ganz am Schluss des Bandes stellt Jonas Engelmann, der Verleger des Ventil Verlags, in liebevoll-launigen Texten die Beitragenden vor, auch unter Erwähnung des einen oder anderen erhellenden Tocotronic-Bezugs, und charakterisiert kurz ihre Songcomics.

Einblick

Die Konzeption und die Zeichenstile der zehn Comics sind sehr unterschiedlich. In manchen werden die Songs Zeile für Zeile illustriert – mal wörtlich, mal abstrahierend, mal konsistent der ›Geschichte‹ des Texts folgend, mal in fragmentarisch-disparaten Bildfolgen.

Den ein wenig wie eine Mischung aus Picasso und Otto Dix anmutenden Beitrag zu Digital ist besser zeichnete der Maler, Konzeptkünstler und Musiker Jim Avignon. Dass dieser unter anderem in den 90ern Muster für Swatch-Uhren entworfen hat (vgl. S. 120), fügt sich in schöner Ironie zu Dirk von Lowtzows Bemerkung in den Linernotes, dass es Tocotronic in dem Song Digital ist besser darum gegangen sei, dass sie Digitaluhren »›viel besser‹ fanden als die scheußlich-bunten Armbanduhren Schweizer Fabrikats, die in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren noch in Mode waren und beweisen, dass beileibe nicht alles, was sich mit dem Attribut ›Pop‹ schmückt, nicht noch ins Spießbürgerlich-Muffige abdriften kann« (S. [6]).

Sascha Hommer lässt knubbelige Wesen, die optisch zwischen Gemüse und Aliens changieren, sich in trüber und karger Umgebung Drüben auf dem Hügel zum Kartenspielen treffen.

Tine Fetz bleibt in der rein schwarz-weißen Bearbeitung ihres »absolute[n] Lieblingssong[s] von Tocotronic« (S. [23]) – Der schönste Tag in meinem Leben – nah am Text, interpretiert den Zettel, auf dem die titelgebende Botschaft steht, aber als selbst geschrieben und lässt ihn am Schluss durch unterschiedliche Szenarien von Disneyland über die Geburt eines Kindes bis zu einem offenen Grab fliegen.

Christopher Tauber und Katja Klengel nutzen den Text von Let there be rock fĂĽr eine ganz eigene Geschichte ĂĽber eine Frau, die nach zwanzig Jahren in Berlin wieder bei ihren Eltern in der Provinz einzieht. Das ist der umfangreichste Beitrag in dem Band. Aus dem Lied werden nur einzelne Passagen in die Dialoge eingeflochten, wobei die Figuren reflektieren, dass es sich um einen Song von Tocotronic handelt.

In Schwarz, Weiß und knalligem Orange kommen die atmosphärischen und dynamischen Rauch-, Kuss-, Tanz- und Busszenen von Eva Feuchter zu Aber hier leben, nein danke daher, die, nachdem »Elena« auf dem Telefon offenbar weggedrückt wurde, in reine Farbflächen- und Schriftkombinationen aufgelöst werden, bis ein Zigarettenstummel den Schlusspunkt setzt. By the way: Auf Vimeo ist (mit Anmeldung) das Making-of einer Seite des Songcomics von Eva Feuchter anzusehen.

Anna Haifischs knochenlos-zerfließende spirrelige Mensch- und Tierwesen setzen genial Kapitulation ins Bild und versammeln sich schließlich zum (Geburtstags-)Kaffeekränzchen einer Schicksalsgemeinschaft im Wald.

Zu Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools lässt es Julia Bernhard, die u. a. schon für The New Yorker gezeichnet hat, in der Wohnung der zum Warten verdammten Hauptfigur eindrucksvoll regnen bis zur vollkommenen Flutung wie in einem Pool. Sie nimmt auch das Transgendermotiv aus dem Video zum Song auf.

Als Illustratorin orientiert sich Moni Port in ihrer zeichnerischen Adaption eng am Musikvideo zu Die Erwachsenen. Dabei setzt sie allerdings den Text in großer und kräftiger Schrift in Szene.

Jan Schmelcher entwirft in seinen neun teils collagenhaften Bildern mit 70er-Jahre-Appeal ganz unterschiedliche Versionen des Rebel Boy – vom dandyesken Kunstkenner über den Cowboy bis zum Tierfriseur. Eindrücke von seiner Interpretation vermittelt darüber hinaus ein kleiner 3sat-Beitrag mit dem Künstler in der Reihe Kultur trotz(t) Corona.

Last but not least erinnert sich Philip Waechter an einstige nicht realisierte Gitarristenfantasien und zeigt eng am Text von Electric Guitar ein StĂĽck der Entwicklung eines schlaksigen Jugendlichen in der Provinz, im Reihenaus und da heraus bis zum Aufbruch in neue Weiten an der Bushaltestelle.

Affinität

Die Text-Bild-Kombination ist im Fall des Oeuvres von Tocotronic eigentlich nichts Neues. Denn 2008 veröffentlichte die Galerie Daniel Buchholz in einer limitierten Auflage von 800 Exemplaren den schönen silbernen Katalog Dekade. 1993 – 2007 mit Dirk von Lowtzows Songtexten, Bandfotos und eingeklebten Abbildungen von Werken der Künstler_innen Cosima von Bonin, Sergej Jensen, Michael Krebber und Henrik Olesen. Das Konzept leuchtet ein angesichts etwa des kunsttheoretischen Schaffens Dirk von Lowtzows und der Bezugnahmen Tocotronics auf die Kunst (z. B. bei der Wahl eines Gemäldes von Thomas Eakins für das Albumcover zu Kapitulation).

Tocotronic und Comic – das passt auch grundsätzlich gut zusammen: Arne Zank hat nicht nur die kleine Bandgeschichte für dieses Comicalbum beigetragen, sondern zwischenzeitlich u. a. den Comicband Die Vögel fliegen hoch (ebenfalls im Ventil Verlag, 2021) veröffentlicht. Dirk von Lowtzow schreibt in seinem literarischen Debüt Aus dem Dachsbau (Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019) mehrfach über seine Liebe zu Comics und die Bedeutung des eigenen Zeichnens. In der Miniatur »Alexander« beispielsweise ist über die Titelfigur zu lesen: »Es stellt sich heraus, dass er genau wie ich gerne Comics zeichnet. Die nächsten Jahre werden wir damit verbringen, Geschichten unserer selbst ausgedachten Comicfiguren ›Flippi und Flappi‹ aufzuzeichnen. Die beiden sind Dinosaurier, sie reden in einer Art Babysprache, haben aber Superkräfte.« (S. 12) Im Kapitel »Dachs« heißt es: »Als Jugendlicher habe ich in langweiligen Schulstunden Comics gezeichnet. In die Schulhefte, in die Schulbücher, auf leere Zettel und Löschpapierbögen. Ich habe mir Figuren ausgedacht und dazugehörige Produkte, Hefte, Aufkleber, Merchandiseartikel. Eine dieser Figuren war ein melancholischer Dachs mit Namen Daniel. / Daniel Dachs. DD, das passt immer. / In meinen Comicstrips lief er murmelnd und sinnierend durch Herbstlandschaften. Ein paar abgestorbene Bäume, Laub, fahle Herbstsonne, Vögel und Strommasten bildeten den sparsamen Hintergrund. Die Landschaft meiner Kindheit. Bis zur Bewegungslosigkeit verlangsamt. Der Abgrund tiefer Langeweile. Winterstarre.« Einige der Miniaturen in Aus dem Dachsbau sind auch mit einzelnen Comiczeichnungen von Dirk von Lowtzow illustriert. Einen kleinen Eindruck von seinen Zeichenkünsten bekommt man übrigens im Video zu seinem Cover des Pet Shop Boys-Songs I Want A Dog von 2017. Ramona Westhof empfiehlt in ihrer Rezension Wie gut gezeichnete Musikvideos für Deutschlandfunk Kultur, die Songs anzuhören, während man in dem Buch Sie wollen uns erzählen schmökert. Der Ventil Verlag hat dafür netterweise eine Playlist erstellt.

Schade, dass es ausgerechnet zum Song Sie wollen uns erzählen keinen Comic gibt. Das wäre dann ja noch etwas für einen Folgeband oder für ein Gesamttextbuch im Songcomicformat. Die Idee ist gut – und die Welt bereit.

 

Sie wollen uns erzählen
Zehn Tocotronic-Songcomics
Michael BĂĽsselberg (Hg.)
Mainz: Ventil, 2020
128 S., 25 Euro
ISBN 978-3-95575-132-6