Der genormte Sandkasten

Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft rezensiert von Giovanni Peduto

Als 1973 Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft des Schweizers Jörg Müller erscheint, ist es eine Sensation in der Kinderliteratur. Nicht nur wegen des eigentümlichen Formats — eine Mappe mit sieben großformatigen Bildtafeln (31.5 x 85 cm) — sondern weil ein hochaktuelles Thema angesprochen wird: das Verschwinden ländlicher Regionen durch den Städtebau. Die Mappe erschüttert die Kinderbuchlandschaft, in der man sich in eine heile Welt der Ordnung begeben konnte (Sauer, 3).

Als einer der wenigen Autor_innen der damaligen Zeit verpackt Müller in seinen Zeichnungen die Themen Umwelt, Zersiedelung, Bauboom, Raumplanung und deren Einfluss auf die Gesellschaft. Er verhilft Kindern zu einem ökologischen Bewusstsein. Alle Jahre wieder wird zu einem Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und Müller zur Ikone der alternativen 68er-Bewegung. Seine Panoramen hängen kurz nach der Veröffentlichung nicht nur in den meisten Schulzimmern der Schweiz (Leupin, 17) sondern genießen auch einen großen Erfolg über die Landesgrenzen hinaus. Die Bildmappe erscheint in unzähligen Ländern, zuletzt nach über 30 Jahren 2007 in Taiwan, mit ebenso großem Erfolg. Bereits 1977 findet das Werk mit Heinz-Joachim Draegers Die Torstrasse seinen ersten Nachahmer.

Sieben Bildtafeln, die die Welt erklären

Auf sieben Seiten steht der immer gleiche Landschaftsausschnitt, im Zentrum ein kleines Mehrfamilienhaus in einer fiktiven Region des Kantons Aargau. Ein typisches Haus aus den 1930er- oder 1940er-Jahren, in der eine Familie mit Kindern lebt. Im Hintergrund das Dorf Güllen. Wie im Zeitraffer verändert sich beim Durchblättern das Motiv auf den Tafeln. Die Umgebung des rosafarbenen Hauses und das ländliche Dorf verwandeln sich nach und nach in eine moderne Minimetropole. Das Haus wird abgerissen, um einer Autobahn Platz zu machen. Von 1953 bis 1972 dokumentiert Alle Jahre wieder den Prozess der fortschreitenden Zersiedelung und Verstädterung einer Landschaft. Diese ist zwar fiktiv, hält aber die Entwicklung des ländlichen und städtischen Lebens in der damaligen Schweiz fest. Jedes Detail stimmt, jedes Plakat, jedes Auto entspringt der Zeit zwischen 1953 und 1972 (Bugmann, 2007). Jörg Müller, der sich als Kind über Ungenauigkeiten in Bilderbüchern ärgerte, bemüht sich, auch scheinbare Nebensächlichkeiten präzise darzustellen: Für Kinder, sagt er, könne man nicht sorgfältig genug arbeiten (Sauer, 9). Seine Suche nach Authentizität geht so weit, dass sogar die Wetterverhältnisse, die am jeweils dargestellten Tag auf dem Bild herrschen, auf den Angaben der Meteorologischen Anstalt basieren (Steger, 27). Der Name des Dorfes – Güllen – ist erfunden, aber nicht dem Zufall überlassen. Es ist eine Anspielung auf Friedrich Dürrenmatts Roman Der Besuch der alten Dame (1956), in dem der Ort des Geschehens so heisst und der unter anderem von einer erhofften Sanierung einer heruntergekommenen und verarmten Landgemeinde handelt. Die Bilder stellen akribisch die Veränderungen in Abständen von jeweils etwas mehr als drei Jahren dar. Der Autor zeigt bewusst einen Zeitraum von 20 Jahren, also jenen Zeitabschnitt, den die Eltern und Lehrer selber als heranwachsende Kinder erlebt haben (Müller in Steger, 30). Nicht nur der Schauplatz wird detailliert protokolliert, auch die Zeit mit genauer Angabe von Datum und Wochentag. Die Serie beginnt an einem Mittwoch und verläuft der Reihe nach bis sich der Kreis an einem Dienstag schließt. Dazu Müller:

Alle Wochentage sollten vorkommen und die Jahreszeiten. Da ich das erste Bild am Sonntag gemalt hatte, musste ich die anderen darauf abstimmen. Also guckte ich beim Wetterdienst, welche Tage sich am besten dafĂĽr eigneten. Das Sonntagsbild landete am Schluss irgendwo in der Mitte. (Sauer, 22)

Wie bei Ali Mitgutschs Wimmelbüchern verzichtet Müller auf Textkomponenten und stellt die Illustration sowie die darin dargestellten Abläufe ins Zentrum:

Mittwoch, 6. Mai 1953: Es ist Frühling, die Wiese um das rosa Haus leuchtet grün, der Kirschbaum trägt Blüten (Abb. 1). Kinder spielen am nahegelegenen Teich, im Bach oder auf einem Hügel. Der Bauer und ein Knecht beackern mit dem Traktor das Feld. Kühe weiden auf der Wiese. Eine weiße Katze spaziert einen Weg entlang. Im Hintergrund das Dorf Güllen, das Ortsschild am Bahnhof verrät den Namen. Dahinter ein gelbes Postauto. Rundherum erstrecken sich grüne Hügel, Wälder und Berge. Links unten am Rand steht ein Maler, der die idyllische Landschaft auf Leinwand festhält – vielleicht das Alter Ego des Autors.

Abb. 1: Am Anfang der Entwicklung – der Zustand 1953 (Tafel 1).

Donnerstag, 16. August 1956: Im Unterschied zum ersten Blatt ist hier nun der kleine Bach, der zum Teich führt, begradigt. Weitere Spuren der Veränderung sind sichtbar: eine geteerte Straße, die zum Dorf führt; neu errichtete Bürogebäude, die rechts oben im Bild sichtbar sind. Ein Personenzug, gezogen von einer Krokodil-Lokomotive, fährt durch den Bahnhof.

Freitag, 20. November 1959: Es wird langsam Winter. Güllen ist vom Nebel umhüllt. Am linken und rechten Rand werden Bäume abgeholzt und das Haus hinter den Gleisen zerfällt langsam.

Samstag, 19. Januar 1963: Wo links im Bild der Wald war, stehen jetzt zwei große, schwarze Silos. Durch die unschuldig weiße Landschaft fährt ein langer Güterzug. Die Bewohner_innen im rosa Haus besitzen nun ein Auto, das in einer kleinen Garage geparkt ist.

Sonntag, 17. April 1966: Es ist Frühling, aber nichts blüht. Die Landschaft hat sich in den letzten drei Jahren drastisch verändert, das Dorf ist nur noch in Ansätzen erkennbar. Ein Hochhaus, eine Bank und weitere Geschäftsgebäude umkreisen den alten Kern. Neben dem rosa Haus steht jetzt ein großer umzäunter Bürokomplex. Wo der Bahnhof war, ist nun eine Baustelle. Der Weg ins Dorf ist daher gesperrt und wird umgeleitet. Auf den naheliegenden Hügeln entsteht ein Einfamilienhaus nach dem anderen. Ein Bagger schüttet den inzwischen gänzlich kanalisierten Bach mit Erde zu. Spielende Kinder sind keine zu sehen, dafür verkehren einige Autos vor dem rosa Haus.

Montag, 14. Juli 1969: Es ist wieder Sommer (Abb. 2). Das Bahnhofsgebäude ist grau und modern. Die Hälfte des Bildes besteht aus einer Baustelle, genau dort, wo einst der kleine Wald stand. Der Bach ist verschwunden, der Teich ausgetrocknet und verdreckt. Der Kirschbaum liegt gefällt in dem kleinen, übriggebliebenen Stück Wiese. Über die Hügel bis hinunter zum rosa Haus verläuft eine breite Straße, das Haus selbst wird jedoch gerade mit einer Abrissbirne dem Erdboden gleich gemacht. Der Vater und seine Kinder stehen davor und schauen zu.

Abb. 2: Das Ende des rosa Hauses – der Zustand 1969 (Tafel 6).

Dienstag, 3. Oktober 1972: Dass langsam der Herbst kommt, ist nur an einem kleinen Bäumchen zu erkennen, das seine Blätter verliert. Verloren steht es auf dem Dach des Einkaufszentrums im Vordergrund. Daneben ein kleiner Sandkasten, in dem ein Kind spielt. Auf der Autobahn rasen Fahrzeuge vorbei. Die weiße Katze versucht die Fahrbahn zu überqueren. Ein Polizist ermahnt einen Jungen, der mit einem Roller auf dem Gehsteig fährt. Im riesigen Discount-Geschäft schaut sich ein Kind Spielzeugwaffen an. Ein Plakat, das dort steht, wo sich früher das rosa Haus befand, verspricht ein schöneres Leben dank eines geplanten neuen Einkaufszentrums.

In sieben Bildtafeln die Welt zerstören?

Man könnte die sieben Darstellungen als Anti-Schöpfung interpretieren: vom ländlichen Paradies zum Nichts der kalten, modernen Stadt. Doch der Autor will keinen biblischen Kontext heraufbeschwören, denn er stellt die beiden Extreme – ländliches Dorf und moderne Stadt – nicht als Sinnbild von Gut gegen Böse dar. Noch weniger möchte er mit seiner Geschichte eine Moralpredigt halten. Müller macht mit seiner Serie eine Reihe von Auswirkungen der Umweltzerstörung sichtbar. Die Bilder sprechen für sich und dank des Detailreichtums gibt es immer Neues zu entdecken. Der Autor baut »Binnengeschichten« ein (Ottowitz, 333), sodass die Zerstörung der Natur und die Entfremdung der Menschen innerhalb der neuen Umgebung durch private Ereignisse vermittelt wird. Damit entspricht Müllers Narrativ der Maxime der 68er-Genertation »Think global, act local«. Im Kleinen wird ein gesellschaftlich aufkommendes, weltumfassendes Thema dargestellt. Das rosa Haus und der Kirschbaum erfahren diesen Wandel am eigenen ›Leib‹. Der Vater, der mit seinen Kindern vor der Hausruine steht, stellt die entfremdete Bevölkerung dar, die vor der Ruine der alten Werte steht und noch nichts vor den sozialen Umwälzungen und Modernisierung ahnt. Die Jahreszeiten rücken in den Hintergrund und ihre Wahrnehmung verschwindet durch die zunehmende Überbauung der Landschaft. Als roter Faden führt die weisse Katze durch die Jahre. Anfangs sich sowohl im rosa Haus als auch in der Natur zurechtfindend, muss sie sich am Ende vor den vorbeibrausenden Fahrzeugen retten und über die Autobahn flüchten. Während in den 1950er-Bildern die Kinder die gesamte Umgebung als Spiel- und Lebensraum nutzen können, verschwinden sie gegen Ende der Serie fast ganz. Auf dem letzten Blatt werden sie in ihrem Spiel stark eingeschränkt. Sei es durch den maßregelnden Polizisten oder durch den kleinen, einbetonierten Sandkasten auf dem Dach des Supermarkts. Der »genormte und viel zu kleine Spielplatz ist quasi eingerichtet als Naturschutzpark«, der sinnbildlich sein soll für das schlechte Gewissen aufgrund der Umweltvernichtung (Müller 2007, Begleittext).

Trotz allen negativen Beispielen, Endzeit-Symbolik und den für heutige Zeit tugendhaft klingenden Titel möchte Alle Jahre wieder wie anfangs erwähnt keine plakative Moral oder direkte Belehrung enthalten. Die Kinder und Erwachsenen scheinen mit der neuen Situation klar zu kommen. Sie sind vielleicht nicht glücklich und würden ein Leben in der ländlichen Idylle eher schätzen, doch sie passen sich an. Die Privatperson Müller steht den Veränderungen bestimmt kritisch gegenüber, doch der Autor dokumentiert lediglich die Veränderung über die Jahre und überlässt die Interpretation den Leser_innen. Die Kritik soll sich im Kopf der Betrachtenden abspielen und »Ist-Zustände [wollen wir] aufzeigen, um Soll-Zustände denkbar zu machen« (Müller, 1976). Müller will letztlich für die nächste Generation eine Welt festhalten, die langsam verschwindet. In der Einführung zur neuen Ausgabe von 2007 sagt Müller, dass es ihm nicht darum geht, »in Kulturpessimismus zu machen, er will nicht den Weg vom ›heilen, lieblichen Dorf‹ zur ›bösen, technischen Stadt‹ zeigen.« Er will nicht Moralist sein: »Dass die Probleme der Umweltzerstörung nicht beim Papierchen auf der Straße liegen, weiß doch heute jeder.« Es sei nicht seine Absicht gewesen, die Kinder zu traumatisieren, sondern ihnen zu zeigen, was ihre Eltern im Zeitraffer wegen des ungebrochenen Fortschrittsglaubens erlebt haben. Es waren schließlich die Kinder, die in dieser Umwelt leben und aufwachsen mussten. Müller will ebenfalls nicht – wie ab und zu fälschlicherweise interpretiert wurde – die gute alte Zeit idealisieren und eine Sehnsucht nach ländlicher Idylle wecken (Ottowitz, 334). Dies ist ebenso in der Ästhetik der Bilder ersichtlich: Dinge, die dem Autor zuwider sind, sollen dennoch eine ästhetische Qualität beibehalten (Sauer, 21), sein futuristisch anmutendes Motiv von 1972 ist nicht düsterer als die Landidylle der 1950er. Es steht zwar im Gegensatz zum ersten Bild, wirkt aber mit den symmetrischen Bauten und von der Sonne erleuchteten Fassaden genauso harmonisch.

Müllers kritische Haltung wird in seinem Nachfolgewerk Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran und ewig droht der Baggerzahn oder Die Veränderung der Stadt (Sauerländer, 1976) schon deutlicher. Diese auf dem gleichen Prinzip der sich im Laufe der Zeit verändernden Umwelt und der Gesellschaft basierende Bildmappe enthält nicht nur im Titel bereits eine stärkere Wertung (»droht«), auch das tragische Ende des blinden Mannes, dessen Spaziergänge wie ein roter Faden durch die Bilder führen, hat eine weit stärker wertende Wirkung als Müllers Erstlingswerk.

Vom Werbegrafiker zur Ikone der 1968er-Bewegung

Jörg Müller wird 1942 in Lausanne geboren. Nach einer Ausbildung als Werbegrafiker an der Kunstgewerbeschule in Biel arbeitet er Mitte der 1960er-Jahre als Packungsdesigner und selbstständiger Grafiker in Paris. Zurück in der Schweiz verdient er sein Geld als Illustrator, erschafft unter anderem Bildergeschichten für die Sendung mit der Maus und malt als Bühnenbildner Theaterkulissen. Mit seinem ersten Bilderbuch Alle Jahre wieder steht der junge Illustrator im Zentrum der Aufmerksamkeit. 1974 erhält er dafür den Deutschen Jugendbuchpreis (heute Jugendliteraturpreis). Im Jahr 1994 wird ihm für sein Gesamtwerk die Hans-Christian-Andersen-Medaille überreicht.

Zusammen mit seinem Atelier-Kollegen dem Maler Bendicht Fivian entwirft Müller die Idee eines Buches über die Spiele ihrer Kindheit. Als aber klar wird, dass diese für die veränderte Umwelt zu gefährlich geworden sind, sollen stattdessen die Gründe dafür aufgezeigt werden (Sauer, 20). Aus der Zusammenarbeit wird zwar letztendlich nichts, die Idee aber bleibt und Müller stellt das Thema der Umweltveränderung in den Mittelpunkt: »Meine Tochter war damals etwa vier Jahre alt, und ich fragte mich: ›Wie würde ich ihr die Umweltveränderungen altersgerecht schildern können?‹« (Bugmann, 2007). Er möchte für die nachfolgende Generation das Verschwinden des vertrauten ländlichen Lebensumfelds festhalten. Inspirationsquelle für die Darstellung ist Müllers Erinnerung an seine eigene Jugend in Küsnacht im Kanton Zürich (Steger, 19). Der Grundsatz für seine Bücher lautet, die Kinder bloß nicht zu langweilen (Spiegel, 119). Er hält nicht viel von Bilderbüchern, die eine heile Welt darstellen. Er will ein Thema aufzeigen, das zur Zeit der Entstehung von Alle Jahre wieder hochaktuell ist. In einer Zeit, in der ein »Rückfall in die bequeme Bewahrpädagogik« zu beobachten ist, nimmt Alle Jahre wieder den Ruf nach einem kritischen Bewusstsein in der Erziehung bei Kindern und Erwachsenen wieder auf (Künnemann, 6). Seine Mappe hilft, das Thema Umweltzerstörung salonfähig zu machen und die Illustrationen hängen nicht nur in »linken Kinderläden«, sondern auch im Wohnzimmer von ›progressiven‹ Familien und in Arztpraxen (ebenda). Müller bezeichnet das Buch als »trojanisches Pferd«, mit dem er die Familien erreichen und bei ihnen einen Schock auslösen kann, weil sie anhand der Veränderungen der Umwelt, die sie selber in ihrer eigenen noch Kindheit erlebt haben, ihren Kindern davon erzählen können (Sauer, 21). Die Zeichnungen treffen den Nerv der Zeit, die durch die 68er-Bewegung für die gesellschaftspolitische Entwicklungen sensibilisiert ist. Im Zuge der sozialen Unruhen 1968 und den Forderungen nach einem sozialen Wandel verändern sich auch die Bilderbücher in der Schweiz. Die Realität dringt in die Idylle der Kinderbuchwelt ein. Müller gibt mit seinem Beitrag ein Statement gegen die Bauwut und den Fortschrittsglauben der Nachkriegszeit und zeigt auf, wie schnell sich das bäuerlich geprägte Schweizer Mittelland in Agglomeration verwandelt hat (Abb. 3). 1955 wird im Land der erste Autobahnabschnitt eröffnet. In den 1970er-Jahren entstehen riesige Überbauungsprojekte in Gemeinden wie Spreitenbach im Kanton Zürich. Auch die Fachliteratur befasst sich in dieser Zeit mit der Krise und dem Versagen der Architektur: Im gleichen Jahr wie Müllers Bildmappe erscheint Rolf Kellers vielbeachtetes Buch Bauen als Umweltzerstörung. Der Widerstand aus der Bevölkerung wächst und es wird nicht nur nach Maßnahmen für den Umweltschutz verlangt, sondern auch der Wunsch geäußert, die Landschaft und existierende Strukturen zu respektieren (Steger, 24).

Abb. 3: Eine andere Welt – der Zustand 1972 (Tafel 7).

Realismus in der Kinderwelt

In den Bilderbüchern der 1970er-Jahre entsteht die Tendenz zu realistischen oder naturalistischen Illustrationen. Realitätsbezogene Inhalte gelten als kindgemäßer (Ottowitz, 329-330). Kinderbücher sollen sozialkritisch sein und ihre Leser_innen zu sozial denkenden Menschen erziehen. Dementsprechend ist auch der künstlerische Stil dem Realismus verpflichtet. Die Bilder müssen sowohl inhaltlich als auch formal der Wirklichkeit entsprechen. Fantasievolle Bücher gelten als wirklichkeitsfremd oder sogar als schädlich und Titel, die zuvor noch Preise gewinnen, sind jetzt reaktionär. Ottowitz nennt in ihrer Dissertation das Beispiel von Lilo Fromms illustriertem Märchen Der Goldene Vogel, das 1967 den Jugendliteraturpreis erhält, während ein Jahr danach mit Ali Mitgutschs Rundherum in meiner Stadt ein »realitätsbezogenes Gebrauchsbilderbuch« prämiert wird, das den Alltag in einer Stadt darstellt (Ottowitz, 330). Mitgutschs Wimmelbücher sind eine Inspiration für Müllers Mappe, vor allem die panoramahafte, flachere Kavalierperspektive, die einen Gesamtüberblick über die Landschaft gibt. Doch Müllers Bilderbuch ist nicht das erste und einzige, das sich mit der Veränderung der Umwelt befasst. Um einige Vorläufer und Zeitgenossen zu nennen: Der Maulwurf Grabowski von Luis Murschetz (1972), die Reihe Barbapapa von Annette Tilson und Talus Taylor (ab 1974), aber auch Reise nach Tripiti von Hans Ulrich Steger (1967) mit seiner Kritik an Konsum und Verschwendung. Ebenso zu den Vorläufern muss man die Kinder- und Jugendsachbücher zählen, die sich ab den 1960er-Jahren als Begriff durchsetzen und zu denen Reihen wie WAS IST WAS (Tessloff Verlag) gehört.

Rezeption

Wie anfangs erwähnt, stellt Alle Jahre wieder etwas Neuartiges in der Bilderbuchwelt dar und macht Müller international bekannt. Bis zum Erfolg stehen ihm aber einige Hürden im Weg. Die Bilderreihe wird als Kinderbuch geplant. Der Autor arbeitet viele Jahre an den einzelnen Blättern und zeichnet sie in großem Format, damit er eine bessere Qualität erreichen kann. Diese für ein Buch zu verkleinern, wird als Wertverminderung empfunden. Die Produktion der Lithografien ist schließlich zu teuer für den Verlag und man legt das Projekt vorerst auf Eis. Ein Jahr später erklärt sich ein Lithograf bereit, die Bilder kostenlos zu produzieren (Sauer, 20). Die Mappe ist aufgrund ihrer Größe anfangs wenig gefragt, denn sie passt nicht in die Regale der Buchhandlungen. Erst nachdem große Zeitungen aus der Schweiz und Deutschland positive Rezensionen schreiben, bestellen die Buchhändler_innen Exemplare. Die hohen Verkaufszahlen sind der Tatsache zu verdanken, dass die Bücher wegen ihres Formats gut sichtbar ausgelegt werden.

Der Deutschen Jugendbuchpreis 1974 fĂĽr Alle Jahre wieder ist der Beweis, dass das Buch den Nerv der Zeit trifft. Die BegrĂĽndung der Jury lautet:

Mit der Prämierung dieses Titels entscheidet sich die Jury für ein vielseitig verwendbares und vielseitig ausdeutbares Informationsmittel, das Kinder und Erwachsene mit gravierenden Problemen unserer Zeit konfrontiert und zu gemeinsamer Reflexion herausfordert. [...] In der realistischen Aufbereitung eines gegenwartsbezogenen Themas und der Vermittlung von Entscheidungshilfen für notwendige Veränderungen geht diese Bildmappe neue Wege. Die Jury sieht in der dokumentarischen Gestaltung der Bilderfolge eine begrüßenswerte neue Möglichkeit visueller Kommunikation durch das Bilderbuch.

Nebst dem Realitätsbezug lobt man besonders den Einsatz der Bildmappe als Aufklärungsmittel für eine problematische Zeit. Sie wird in den 1970er- und 1980er-Jahren in vielen Schulen der Schweiz als Anschauungsobjekt in die Unterrichtsräume gehängt. Als ein Beispiel soll der Aufsatz von Kurt Franz erwähnt werden, in dem er über die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von Müllers Mappe für Kinder jeden Alters schreibt und beobachtet, dass sie sich »schnell im Unterricht durchsetzt« (Franz, 1).

Alle Jahre wieder: Gestern und heute

Wie passt Alle Jahre wieder in unsere Gegenwart? Wie repräsentativ sind die Bilder heute noch? In einem Radio-Interview darauf angesprochen, antwortet Müller, dass er sich keine Fortsetzung vorstellen könne. Heutige Veränderungen der Umwelt seien nicht mehr sichtbar darzustellen (Buri, 2015). Gerade jetzt ist Umweltliteratur für Kindern hoch im Trend, auch dank der Fridays for Future-Bewegung und der jungen Aktivistin Greta Thunberg, über die selbst mehrere Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht wurden. Das sind Bücher zum Thema Klimaerwärmung, Meeresverschmutzung oder Nachhaltigkeit. Auch heute bilden sie die Realität ab, jetzt haben sie in den Klimademonstrant_innen konkrete Vorbilder als Protagonist_innen, die ihre Anliegen thematisieren. Anzumerken ist, dass Öko-Kinderliteratur auf eine lange Tradition seit Ende der 1960er zurückblickt. Heute erhält sie auch Unterstützung von der UNESCO mit ihrem Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), bei dem es darum geht »bis 2030 sicher[zu]stellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nachhaltige Lebensweisen [...].« Vergleicht man die Definition dieses Programms mit der Jurybegründung des Kinderbuchpreises, findet man Parallelen. Müllers Tafeln müssen gar nicht an die heutige Zeit angepasst werden. Gerade wegen ihrer wertfreien, dokumentarischen Darstellung bleibt die Bildmappe, die aus den Anfängen der gesellschaftlichen Diskussion um den Umweltschutz hervorgegangen ist, heute noch universal verständlich und kann als Projektionsfläche für die Umweltthemen von gestern, wie auch die von heute dienen. Wie es im Ausstellungskatalog zu einer Retrospektive von Müllers Werk heißt: »Dass 2007 der Presslufthammer wieder unverändert aufgelegt wird, beweist nur, dass – Zeitgeist hin oder Sachzwänge her – alle [...] Problemfelder weiter angewachsen sind, und wir [...] nichts dazugelernt haben« (Sauer, 7).

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Bibliographie

  • Bugmann, Urs: Unsere Welt im Zeitraffer. In: Neue Luzerner Zeitung. 21.11.2007, Bund 5.
  • Buri, Emilie: Leben in der Agglomeration - ein Treffen mit Jörg MĂĽller. Radio-Interview. In: www.srf.ch <https://www.srf.ch/play/radio/popupaudioplayer?id=2bfcb163-598a-4ec3-81fc-8fb7ef60c80f&startTime=35.012>. 08.04.2015. Letzter Zugriff am 27.07.2020.
  • Fabian, Daniela: »Ich habe kein Talent fĂĽrs Ferienmachen« In: Schweizer Illustrierte. 12.12.1994, S. 68.
  • Franz, Kurt: Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder ein Bilderbuch fĂĽr jede Altersstufe. Jörg MĂĽllers Bildmappe in der Schule. In: Jugend und Buch 26.2 (1977), S. 1–6.
  • KĂĽnnemann, Horst: Der Zeitgeistvermesser. In: Jörg MĂĽller - Die Welt ist kein Märchen. Skizzen, Illustrationen, BilderbĂĽcher. Wädenswil: Nimbus. Kunst und BĂĽcher AG, 2007.
  • Leupin, Remo: Wir haben Mist gebaut. In: Sonntagszeitung. 27.1.2002, S. 17.
  • MĂĽller, Jörg: Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder: Die Veränderung der Landschaft. Neuauflage. Aarau: Fischer Sauerländer, 2016 [1973].
  • MĂĽller, Jörg: Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran und ewig droht der Baggerzahn oder Die Veränderung der Stadt. Aarau: Sauerländer, 1976.
  • Purner, Jörg: Zeitgestalten – Phänomenologie der Veränderung. In: www.baugeschichte.eu <https://www.baugeschichte.eu/fileadmin/user_upload/website/06_materialien/zeitgestalten.pdf>. Ohne Datum. Letzter Zugriff 27.07.2020.
  • Sauer, Inge (Hg.): Jörg MĂĽller - Die Welt ist kein Märchen: Skizzen, Illustrationen, BilderbĂĽcher. Hg. V. Inge Sauer. Wädenswil: Nimbus. Kunst und BĂĽcher AG, 2007, S. 6–8.
  • Schnell, Dieter: Die Architekturkrise Der 1970er-Jahre. Baden: Hier und Jetzt, Verlag fĂĽr Kultur und Geschichte, 2013a.
  • Schnell, Dieter: Vom Feindbild zum Denkmal? Die Image-Krise der Architektur in den 1970er Jahren. In: Werk, Bauen + Wohnen 100.10 (2013b), S. 9–11.
  • Steger, Stephan: Presslufthammer und Baggerzahn. In: Kunst + Architektur in der Schweiz 55.4 (2004), S. 23–32.
  • o. A.: Antwort auf Zappa. In: Der Spiegel. 17.10.1994, S. 119–121.
  • Ottowitz, Taciana Valio: Bilderbuchillustration in den 60er und 70er Jahren in der Bundesrepublik und Parallelen zur Kunstszene. In: Dissertationen der LMU 12. Hg. v. Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität, 2017.

Abbildungsverzeichnis

    • Abb. 1: MĂĽller 2016 [1973], Tafel 1.
    • Abb. 2: MĂĽller 2016 [1973], Tafel 6.
    • Abb. 3 MĂĽller 2016 [1973], Tafel 7.

Alle Abbildungen: © 2020 Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Erstmals erschienen 1973 im Sauerländer Verlag.

 

Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft
Jörg Müller
Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer, 2016 [1973]
7 S., 24,99 Euro
ISBN 978-3-7373-5449-3