Was die Katze anschleppt

Trauma Tales Vol. VI, VII und VIII rezensiert von Tillmann Courth

Das eigenwillige Comicprojekt von Alexander Kaschte, dem Autor und Bandleader der Gothicgruppe Samsas Traum, lĂ€sst sich nicht mit »Daumen hoch oder runter« bewerten. Jeder Band enthĂ€lt fĂŒnf in sich geschlossene, fĂŒr sich stehende Horrorkurzgeschichten, dazu kommen fingierte Leserbriefe sowie etwas Kurzprosa. Das inhaltliche Spektrum fluktuiert höchst inkonsistent von gefĂŒhligen und lyrisch geprĂ€gten StĂŒcken ĂŒber platten und konventionellen Formelspaß bis hin zu derben und inkorrekten Schockern. Die grafische Umsetzung hingegen kommt kreativ und ansprechend aus einer KĂŒnstlerinnenhand.

Ganz ehrlich: Ich war zunĂ€chst enttĂ€uscht von den Trauma Tales Vol. VI. Die mir bekannten VorgĂ€ngerbĂ€nde (Trauma Tales Vol. IV und Vol. V) prĂ€sentierten originelle, dĂŒstere, kryptische Horror Short Storys, die im Verbund mit Weissblechs Horrorschockern oder Die Toten eine deutsche Tradition des Comicgrusels kompetent und innovativ fortsetzten. (Hinweis zur deutschen Horrorcomickultur: Die Toten vom Zwerchfell-Verlag haben ihr WĂŒten in deutschen StĂ€dten zwar eingestellt, doch der Weissblech-Verlag veröffentlicht weiter seine Reihe Horrorschocker, mittlerweile ergĂ€nzt um den Titel Zombieman; lĂ€ngst verflossen hingegen sind die Hefte des Anthologietitels Menschenblut, einige Ausgaben von diesen erschienen bereits in den frĂŒhen 1980er-Jahren erschienen, weitere dann von 1994–2001). Die fĂŒnf BeitrĂ€ge in der Nummer VI der Trauma-Tales hingegen wiederholen fast ausschließlich altbekannte Horrorformeln, die leider so vorhersehbar aufgebaut sind, dass keine von ihnen durch etwa eine neue Wendung oder Ähnliches Grusel zu erzeugen vermag.

Abb. 1: Trauma-Tales Vol. VI, S. 26.

So fĂ€hrt beispielsweise ein Angestellter abends mit dem Zug nach Hause und, wie sollte es anders sein: Er landet natĂŒrlich in einem unbekannten Bahnhof und erlebt hier FĂŒrchterliches. Er trifft Menschen aus seiner Vergangenheit und erkennt, dass er auf ewig in dieser Vorhölle gefangen ist. Zweites, nicht gerade innovatives Beispiel: Eine Gruppe von Jugendlichen betritt einen gruseligen VergnĂŒgungspark und die ganze Gruppe kommt darin ums Leben. Leider ist auch diese Geschichte handlungstechnisch sehr unmotiviert angelegt, dazu noch lustlos erzĂ€hlt und somit komplett uninteressant. Die derb betitelte ErzĂ€hlung »Im Embryo-Vernichtungslager« handelt nicht von dem, was sie ankĂŒndigt, sondern schlĂ€gt drei narrative Haken, die ins Leere laufen, dann ist die Geschichte plötzlich zu Ende. RĂ€tselhaft, wohin das fĂŒhren sollte oder wovon es ĂŒberhaupt handelt. Und das ist schade, mehr als schade. Denn Autor und Herausgeber Alexander Kaschte darf wie in den VorgĂ€ngerbĂ€nden schon auf das saubere und ansprechende Artwork von Julia Zhuravleva zurĂŒckgreifen. Besonders luftig und lyrisch gelingt der russischen Zeichnerin die Geschichte, die einen Song von Kaschtes Band »Samsas Traum« illustriert: »Ich sehe die Sterne bei Tag« ist eine wahrlich traumhafte Meditation ĂŒber Liebe und VergĂ€nglichkeit. Auch wenn sich mir – ich gesteh’s – die Bedeutung dieser lyrischen ErgĂŒsse (auch die aus frĂŒheren BĂ€nden) nicht erschließt, so darf man diese BeitrĂ€ge doch als beachtlich bezeichnen, denn solch illustrierte Songs, zu denen man sich zudem die Musik anhören kann, bietet kein anderer Comic auf der Welt. Schade ist auch, dass die »Pussy of Death«, die herrlich unkorrekte ErzĂ€hlerfigur der Trauma Tales, nicht mehr Raum bekommt (sie moderiert nur die erste und letzte Story, und das auch noch knapp). »Horror hosts« wie der Crypt Keeper aus ECs Tales from the Crpyt, Cain und Abel aus den Mysteryheften von DC oder Uncle Creepy und Cousin Eerie aus den Warren-Magazinen bewies en seit den 1950er-Jahren, dass Gruselcomics besonders gut funktionieren, wenn sie von (selbst-)ironischen und sarkastischen Kommentaren sowie faulen Wortspielen gerahmt werden. Im Highlight des Comics kommt die Moderatorinnenkatze jedoch noch mal voll zur Geltung: In der doppelseitigen »Leserbrief«-Sektion liefert sich die fiese Mieze auch dieses Mal wieder humorvolle und heftige Wortgefechte mit fiktiven Fans und Feinden. Zum Schluss findet ein Froschschenkel-Produzent sein unrĂŒhmliches Ende in der tödlichen Umarmung einer Undine-artigen Nixe. Acht Seiten, die bei mir keine Spannung aufkommen lassen, sondern bestenfalls ein halbherziges Schmunzeln. Traumatischer, bitte! Das hat doch frĂŒher funktioniert.

Abb. 1: Trauma-Tales Vol. VII, S. 19.

Zum GlĂŒck erhört werde ich in den inzwischen erschienenen Vol. VII und VIII der Trauma Tales. Die Trauma Tales Vol. VII eröffnen mit einer hĂŒbschen Monstergeschichte, die offenlĂ€sst, ob die Ungeheuer real sind oder nicht. Die Text-Bild-Geschichte ohne Sprechblasen »Ein Foetus wie du« zĂ€hlt zu den verstörenderen BeitrĂ€gen, die sich hin und wieder in den Trauma Tales finden: Eine Singlefrau wird von einem Baby heimgesucht. Da sie es nicht annehmen will, versucht sie sich des Kleinkinds auf rabiate Weise zu entledigen. Am Ende scheint es fraglich, ob wir der ErzĂ€hlung ĂŒberhaupt vertrauen konnten. Ein Hauch von Ray Bradburys »The Small Assassin« findet sich hier, konterkariert durch die darauf folgende aquarellige Meditation ĂŒber ein entfremdetes Paar, zugleich erklĂ€rte Hommage an den Regisseur Tarkowski und dessen Werk »Solaris«. »Im Zeichen des Wurms« stellt die konventionell inszenierte Variante einer Geheimgesellschaftsinitiation dar; die Schlussgeschichte »Die ZĂ€hne in der Hand« verbeugt sich vor dem Splattergenre und weiß mit unangenehmem Zahnarzthorror zu schockieren. Betont sei zwischendrin erneut die Kunstfertigkeit von Julia Zhuravleva, die ihren Strich und Stil je nach Tonlage der Geschichte fein zu variieren weiß. Sie sorgt fĂŒr die Konsistenz, die Kaschtes Skripte verweigern.

PaukenschlÀge in alle Richtungen setzt es dann in Trauma Tales Vol. VIII:
»In der Kirche des Todestrips« ist eine abstoßende Geschichte ĂŒber eine junge Frau, die unter Drogen missbraucht wird. Die Pointe ist dermaßen ĂŒbel, dass ich hier nicht weiter darĂŒber reden will. (Ich bin dafĂŒr, dass so etwas produziert werden darf, aber bestĂŒnde die LektĂŒre ausschließlich aus solchen Storys, wĂŒrde ich kein Wort darĂŒber verlieren.)

Es folgen jedoch eine konventionelle Wahrsager-Geschichte mit Self-fulfilling-Prophecy-Twist, eine filmisch gestaltete Kidnapping-Story sowie eine fantastisch-rĂ€tselhafte ErzĂ€hlung ĂŒber einen Mann, der sich ĂŒber Nacht monströs verwandelt (»Kugel im Gesicht«, Kafkas Gregor Samsa lĂ€sst grĂŒĂŸen). Kaschtes Kafka-Kenntnis darf vorausgesetzt werden, heißt doch sein Musikprojekt »Samsas Traum«. Höhepunkt in Vol. VIII ist meiner Meinung nach »DafĂŒr sind Helden da«, eine folgenschwere Begegnung im Reich der Toten, die fĂŒr einen kleinen Jungen ein neues VerstĂ€ndnis des Lebens bedeutet. Hier gelingen Kaschte und Zeichnerin Zhuravleva zeitlos schöne Bilder und Beobachtungen, geschickt verwoben in eine griffige und nachvollziehbare ErzĂ€hlung.

Abb. 3: Trauma-Tales Vol. VIII, S. 54.

Die Trauma Tales sind ein verwirrendes Gesamtkunstwerk aus unzĂ€hligen EinflĂŒssen der Horror- und Splatterkultur. Autor Kaschte montiert um VersatzstĂŒcke herum persönliche Konstrukte, die manchmal offenbar sind, manchmal kryptisch bleiben.

(Allein in Vol. VIII entdecke ich Anspielungen auf Rape-and-Revenge-Storys, Crime Comics der 1940er-Jahre, Zeichentrickhexen, Clive-Barker-Motive, Serienmörder-Folklore, Cronenbergsche Phantastik und Altmythen wie den FĂ€hrmann ĂŒber den Hades.) Diese Comics sind ein wilder und verstörender Ritt durch die Subkultur – schließlich hat Herausgeber Kaschte seine Reihe mit Ansage Trauma Tales benannt, da darf man als Rezipient nicht zimperlich sein. Auf dem Backcover jeden Bandes prangt wie ĂŒblich Kaschtes Producer-Statement: »Gedruckt in Lettland. Gezeichnet in Russland. Erdacht in Deutschland.«, was die internationale Zusammenarbeit bei der Herstellung des Bandes genial betont. Die Trauma Tales bleiben damit ein interessantes Comicprojekt, allerdings sollte man eine AffinitĂ€t zu vielen (auch abartigeren) Spielarten des Horrors mitbringen.

 

Trauma Tales VI
Alexander Kaschte (A), Julia Zhuravleva (Z)
Marburg: Insektenhaus, 2019
64 S., 16,80 Euro
ISBN 978-3-98195-185-1

 

 

Trauma Tales VII
Alexander Kaschte (A), Julia Zhuravleva (Z)
Marburg: Insektenhaus, 2020
64 S., 16,80 Euro
ISBN 978-3-94880-001-7

 

 

Trauma Tales VIII
Alexander Kaschte (A), Julia Zhuravleva (Z)
Marburg: Insektenhaus, 2020
72 S., 16,80 Euro
ISBN 978-3-94880-002-4