PDF

Die Problematisierung sozialer Folgen und ­moralischer Dilemmata des Transhumanismus in Mil euros por tu vida

Ina Kühne (Siegen)

1. Einleitung

Spanien wurde 2008 von einer gravierenden Wirtschafts- und Finanzkrise erschüttert, die tiefgreifende politische und soziale Folgen nach sich zog, von denen sich das Land bis heute nicht völlig erholt hat. Während der Krise sowie der als Reaktion auf diese zu ­verstehenden 15M-Bewegung,1 die im Jahr 2011 entstand, nahm die Anzahl dystopischer Romane, Erzählungen, Filme sowie auch Comics und Graphic Novels stark zu. In diesen werden Zukunftsängste thematisiert, die auf den möglichen Entwicklungen gegenwärtiger wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Probleme in Spanien basieren. Zu ihnen gehört die 2008 publizierte Graphic Novel Mil euros por tu vida von Elia Barceló, Jordi Farga und Luis Miguez.2 Sie spielt im Jahr 2032 und thematisiert einen der wohl ältesten Wünsche der Menschheit: den Wunsch nach ewiger Jugend. Die Aufhebung des Alterungsprozesses sowie die Unsterblichkeit stellen zwei wesentliche Ziele des Transhumanismus dar (vgl. Loh 2018, 42), der den (jetzigen) Menschen hin zu einem Menschen x.0, einem posthumanen Wesen, verbessern möchte (vgl. ebd., 32, 58).3 Die erste Verwendung des Begriffs Transhumanismus ist in einem in Washington D.C. gehaltenen Vortrag von Julian Huxley, dem Bruder Aldous Huxleys, mit dem Titel »Knowledge, Morality and Destiny« aus dem Jahr 1951 zu finden und wurde dort bereits mit Bezug auf das Bestreben des Menschen, seine biologischen Grenzen zu überschreiten, verwendet (vgl. Harrison/Wolyniak in Palardy 2018, 98). Kritiker des Transhumanismus betonen heute allerdings die dringende Notwendigkeit, auch die gesellschaftspolitischen, ökonomischen und identitätsbezogenen Auswirkungen transhumanistischer Optimierungsversuche stärker in Betracht zu ziehen (vgl. Loh 2018, 63, 70). Die Absicht, den Tod zu überwinden, beinhaltet ein gewisses Maß an Hybris, die dem Transhumanismus auch vorgeworfen wird (vgl. Palardy 2018, 82). In diesem Kontext werden in der grafischen Erzählung die Möglichkeiten und Grenzen medizinischen Fortschritts und der Biotechnologie diskutiert. Die Graphic Novel thematisiert in dystopischer Manier die Ausbeutung von Ländern der Dritten Welt und deren Bewohner_innen durch Industrienationen und problematisiert die sozioökonomische Ungleichheit in der spanischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts sowie die Macht des Geldes und dem damit einhergehenden ausufernden Konsum.

Die grafische Erzählung schildert die Geschichte des älteren, in Katalonien lebenden Millionärsehepaares Anna Saladriga (80) und Cristofòl (genannt Tofòl) Peyró (82), das sich einem chirurgischen Eingriff unterzieht, bei dem ihr jeweiliges Bewusstsein in den Körper der jungen Äthiopierin Sarah (25) und des jungen Maliers Abraham (27) transferiert wird, um eine Verlängerung ihres Lebens zu erreichen und wieder über einen noch nicht vom Alter gezeichneten Körper verfügen zu können. Die Körper der europäischen Patient_innen werden nach dem Eingriff verbrannt, sodass der Vorgang nicht rückgängig gemacht werden kann. Das Bewusstsein der Afrikaner_innen wird nach der Operation tagsüber mit Medikamenten unterdrückt. Ihnen wird allerdings zugestanden, nachts, während die Europäer_innen, die am Tag über ihre Körper verfügen können, schlafen, zwei bis vier Stunden Zugang zu ihrem eigenen Bewusstsein zu haben. Weder die Europäer_innen noch die Afrikaner_innen können sich daran erinnern, was die jeweils anderen getan bzw. erlebt haben, während sie bei Bewusstsein waren.

In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, welche ethischen Spannungen und moralischen Dilemmata die Bewusstseinsübertragung mit sich bringt. In diesem Kontext wird auch die Problematik posthumaner Identität erörtert sowie auf medienspezifische Besonderheiten bei deren Darstellung im Comic eingegangen. Des Weiteren wird aufgezeigt, wie die in Mil euros por tu vida behandelte Thematik in Relation zu sozioökonomischen Strukturen in Spanien steht, wobei die Situation von Immigrant_innen sowie die besondere historische Beziehung zwischen Spanier_innen und Afrikaner_innen besondere Aufmerksamkeit erfahren. Außerdem werden die Implikationen des Endes der Graphic Novel diskutiert, das die Geburt eines Kindes beinhaltet. Dabei wird die Rolle solcher Kinder als Grenzgänger sowie ihre Stellung und ihre möglichen Funktionen in der Gesellschaft fokussiert.

2. Alles ist käuflich: Die institutionalisierte und legalisierte Ausbeutung der Armen

Eines der zentralen Probleme, das in Mil euros por tu vida behandelt wird, stellt die Macht des Geldes und die Kluft zwischen Arm und Reich dar, die nicht nur in Spanien selbst besteht, sondern vor allem durch den starken Gegensatz zwischen der Ersten Welt und den Dritte-Welt-Ländern deutlich wird. Diese Problematik wird bereits auf den ersten Seiten angedeutet. Im Blocktext wird die Situation der beiden aus Afrika stammenden Protagonist_innen Abraham und Sarah, denen der Bewusstseinstransfer unmittelbar bevorsteht, detailliert geschildert:

La luz del amanecer entraba sesgada a través de los toldos verdeazules creando en la sala un efecto de cueva submarina. Un reloj marcaba los minutos y, con cada »clac«, las dos personas que ocupaban el cuarto miraban en derredor, como sorprendidos, para perder de nuevo la vista en los sedantes paisajes que adornaban las paredes. Ambos llevaban la bata azul de las instituciones hospitalarias europeas …4
(Barceló et al. 2014, 37)

Zwei Dinge werden hier bereits deutlich. Der Vergleich des Wartesaals des Krankenhauses mit einer »Unterwasserhöhle« weist auf die Abgeschlossenheit der beiden von der Außenwelt hin, die sich im Laufe der Handlung noch massiv verstärken wird. Durch das Ticken der Uhr und die Reaktion der beiden Figuren darauf wird den Leser_innen zudem gleich zu Beginn verdeutlicht, dass die Zeit der Protagonist_innen ›abläuft‹. Deren Verzweiflung wird dann in einem langen rechteckigen Panel, das als Eröffnungsbild fungiert, durch ihre Haltung dargestellt:

Abb. 1: Sarah und Abraham im Wartesaal (Barceló et al. 2014, S. 37).

Sie sitzen sich auf unbequemen Plastikstühlen gegenüber, stützen die Arme auf ihren Knien ab und lassen die Köpfe hängen. Die beiden erinnern an zwei Verurteilte, die ihre Hinrichtung erwarten.5 Um die Aufmerksamkeit der Leserin auf die Figuren zu lenken, enthält das Panel, wie auch die gesamte Graphic Novel, nur wenige Ausschmückungen im Hintergrund. Die grafische Erzählung ist ganz in Schwarzweiß gehalten und erzeugt so eine dunkle, triste Atmosphäre, mittels derer suggeriert wird, dass eine ernsthafte und problematische Thematik behandelt wird. Die Länge des Panels legt eine lange Wartezeit, die die beiden jungen Afrikaner_innen in dem Raum verbringen müssen, nahe und deutet an, dass Menschen aus armen Verhältnissen in vielen Ländern vom Gesundheitssystem benachteiligt werden, was sich in längeren Wartezeiten für Arzttermine, einem schwierigeren und manchmal unmöglichen Zugang zu bestimmten Therapien etc. niederschlägt, wodurch die Gesundheit und Lebensqualität dieser Menschen stark beeinträchtigt werden kann (vgl. dazu auch Palardy 2018, 76).

Abraham und Sarah wurden aus mehr als tausend Kandidat_innen für den Transfer ausgewählt. Die Familien der beiden leben an der untersten Armutsgrenze, und die beiden Protagonist_innen sehen die einzige Möglichkeit, ihren Angehörigen das Überleben zu ermöglichen, darin, ihre Körper zu verkaufen, da sie sonst nichts besitzen, das auf dem europäischen Markt von Wert ist: »Ambos estabanahípordinero.«6 (Barceló et. al. 2014, 38) Alle Kandidat_innen, die ausgewählt wird, erhalten 1000 Euro, und nach gelungenem Transfer bekommen die jeweiligen Familien 50 000 Euro. Die meisten Menschen, die ihre Körper zur Verfügung stellen, stammen aus Afrika oder Asien, wobei beide Kontinente als im Niedergang begriffen beschrieben werden. Diese Menschen werden in der Graphic Novel als anfitriones bezeichnet, was mit ›Gastgeber‹ bzw. ›Wirt‹ zu übersetzen ist.7 In der Mikro- und Immunbiologie bezeichnet der Terminus einen Organismus, in dem sich ein Parasit einnistet. Die Entscheidung für das Wort anfitrión anstelle des neutraleren Begriffs receptor (Rezeptor_in), der für Organismen verwendet wird, in die ein Transplantat verpflanzt wird, stellt bereits aufgrund der angedeuteten Vergleichbarkeit der Europäer_innen mit Parasiten eine implizite Kritik an dem Bewusstseinstransfer und der damit verbundenen Ausbeutung der Afrikaner_innen dar.8 Der Terminus anfitrión eröffnet zudem eine weitere Bedeutungsebene, denn er verweist auf den griechischen Mythos um Amphitrion und Alkmene, laut dem der Göttervater Zeus die Gestalt des Amphitrion annahm, d.h. seinen Körper ›besetzte‹, um dessen Frau Alkmene zu verführen, und so den Herakles zeugte. Das Macht- bzw. Überlegenheitsverhältnis zwischen Gott und Mensch ist vergleichbar mit dem zwischen Europäer_innen und Afrikaner_innen in der Graphic Novel.

3. Der Bewusstseinstransfer und die damit verbundene Dehumanisierung der anfitriones

Der Mind Transfer, auch Mind Uploading genannt, ist expliziter Bestandteil des technologischen Posthumanismus und häufig auch in transhumanistischen Ansätzen zu finden, dort aber der Vision eines menschlichen Posthumanen nachgeordnet (vgl. Loh 2018, 75, 99), wie auch in Mil euros por tu vida. Er ist als eine Methode des Human Enhancement9 zu verstehen und bezeichnet die Übertragung des menschlichen Geistes, der, wie auch die Persönlichkeit, im Gehirn verortet wird,10 auf ein anderes Medium, wobei es sich meist um einen artifiziellen Körper nach Wahl der behandelten Person, der weiter modifiziert oder auch gegen einen anderen ausgetauscht werden kann, oder einen Computer handelt (vgl. ebd., 100). Diese Art des Enhancement, die einerseits auf die Verlängerung der Jugend und des Lebens bzw. Unsterblichkeit11 abzielt, soll zudem die morphologische Freiheit (Sandberg) bzw. Freiheit der Form (Rothblatt; vgl. ebd., 54) des Menschen garantieren.

In Mil euros por tu vida dienen allerdings keine Roboter oder Computer, sondern Menschen als ›Gefäß‹ oder ›Hülle‹ für das menschliche Bewusstsein. Das Ehepaar Peyró, das sich dem Transfer unterziehen möchte, wird über den medizinischen Vorgang in einem Aufklärungsgespräch mit dem behandelnden Arzt Dr. Mendoza informiert. Während die beiden detaillierte Auskünfte erhalten, wurden Abraham und Sarah nicht über alle Einzelheiten in Kenntnis gesetzt.12 Das Aufklärungsgespräch, das mit einer over-the-shoulder-Ansicht über die Schultern der Peyrós beginnt, sodass die Leser_innen deren Perspektive einnimmt, wird mittels einer Schuss-Gegenschuss-Montage präsentiert und gewährt einen ersten Einblick in die Gedanken und Gefühle des Ehepaares sowie in die Motive Mendozas. Anna und Tofòl werden mit sehr vielen Falten dargestellt, um ihr hohes Alter zu betonen. Tofòl weist zudem nur wenig Haar, ein Doppelkinn, Tränensäcke sowie eine beträchtliche Leibesfülle auf und benötigt einen Gehstock, wodurch seine altersbedingt eingeschränkte Mobilität deutlich wird. Beide sind sehr gut gekleidet (Anzug, Krawatte, teure Manschettenknöpfe bzw. Kostüm und wertvoller Schmuck mit riesigen Perlen und Edelsteinen) und dadurch leicht der oberen Gesellschaftsschicht zuzuordnen.13 Für Tofòl, der von Abraham abwertend als ›dem Schwarzen‹ spricht und dadurch ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den beiden Afrikaner_innen erkennen lässt, das für ihn deren Ausbeutung zu rechtfertigen scheint, ist der Transfer nur eine Frage des Geldes, über ethische Fragen möchte er nicht nachdenken: »Podemos permitírnoslo, Anna.«14 (Barceló et. al. 2014, 40) Durch Tofòls Aussage wird indirekt auf das Problem angespielt, dass der Transfer nur für wenige Menschen, die über das nötige Geld verfügen, möglich ist, sodass durch diese Praktik die ohnehin schon in der Welt existierende soziale Ungleichheit noch verstärkt wird.

Im Gegensatz zu Tofòl wird Anna als gewissenhafte Person mit moralischen Bedenken dargestellt. So erkundigt sie sich, ob die beiden Afrikaner_innen wissen, welche Konsequenzen der Eingriff für sie haben wird. Dr. Mendoza versucht Annas Zweifel auszuräumen und ihr ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, indem er die Legalität des Eingriffs betont: »Porsupuesto, Señora Saladriga, porsupuesto. Han sido debidamente informados y han firmado todos los documentos necesarios.«15 (ebd., 39) Seine Worte verdeutlichen den geschäftlichen Charakter, den der Transfer für den Arzt hat, sowie, dass diesem nicht in den Sinn kommt, dass Annas Bedenken ethischer Natur sein könnten. Dr. Mendoza verkörpert das Stereotyp des skrupellosen Wissenschaftlers, der keine moralischen Grenzen kennt. Laut Karen Barad sind Fragen der Wissenschaften immer auch als Fragen der Gerechtigkeit zu verstehen, da »in das Gewebe der (natur-)wissenschaftlichen Arbeit ›rassistische, kolonialistische, sexistische, heterosexistische Geschichten‹ eingeflochten seien« (zit. in Loh 2018, 157). Gleichzeitig seien auch umgekehrt Fragen der Ökonomie, des Sozialen und des Politischen immer auch solche der Wissenschaften (vgl. ebd.). Barad bezieht sich dabei sowohl auf Wissenschaft im Allgemeinen als auch auf Naturwissenschaften im Besonderen. Sie kritisiert die traditionellen Wissenskulturen sowie die implizite Normativität der vermeintlich rein beschreibend und betrachtend vorgehenden (Natur-)Wissenschaften. Barad geht davon aus, dass Gerechtigkeit und Empirie untrennbar miteinander verbunden seien und betont die daraus resultierende Verantwortung, da die in der Wissenschaft vorgenommenen Kategorisierungen zum Ausschluss oder zur Stilllegung bestimmter Personengruppen führen können (vgl. ebd., 157f.). Donna Haraway betrachtet Wissenschaft ferner als »Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln« (zit. in ebd., 160). Die mit dem Transfer verbundenen ethischen Grundentscheidungen, wie etwa die Verteilung der Zeit, in der die Katalan_innen und die Afrikaner_innen über ihr Bewusstsein verfügen können, sind im Vorhinein von Mendoza getroffen worden, sodass er die moralisch-ethische Verantwortung für die von ihm entwickelte Methode trägt. Bei seinen Entscheidungen scheinen allerdings weniger Ideale westlich-demokratischen Denkens wie Autonomie, Gleichheit und Solidarität als ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle zu spielen. Mendoza geht es lediglich um seinen persönlichen Profit. Den Leser_innen wird durch Bildelemente verdeutlicht, dass der Arzt als nicht vertrauenswürdig einzustufen ist und seine Aussagen in Zweifel zu ziehen sind. Seine Augen sind hinter der Brille, die er trägt, nicht zu erkennen, wodurch die Deutung seines Gesichtsausdrucks stark erschwert wird.

Abb. 2: Doktor Mendoza (Barceló et al. 2014, S. 40).

Diese Darstellung legt zudem nahe, dass er etwas zu verbergen hat. Ferner fällt sein andauerndes Lächeln auf, das väterlich und beruhigend auf seine Patienten wirken soll, aber aufgesetzt erscheint. Der Arzt wird meist aus der Untersicht gezeigt, um seine Machtposition zu verdeutlichen. Diese hat er nicht nur gegenüber Abraham und Sarah inne, sondern auch gegenüber den Peyrós, da er über Wissen verfügt, an dem er das ältere Ehepaar nur soweit teilhaben lässt, wie es für ihn von Nutzen ist. So ist er nicht bereit, Anna und Tofòl über das bisherige Leben bzw. die genauen Lebensumstände der beiden jungen Afrikaner_innen zu informieren. Ihre Identitäten werden somit ausgelöscht. Nach dem Transfer werden sie unter den Namen Abraham und Sarah (die Nachnamen werden in der Graphic Novel nicht genannt) nicht mehr existieren. Mendoza bezeichnet sie auch nicht als Menschen, sondern als »unos cuerpos jóvenes, sanos y bellos«16 (Barceló et al. 2014, 14). Bei allen genannten Adjektiven handelt es sich um körperliche Zustände und nicht um Charaktereigenschaften, die ein Individuum auszeichnen. Für den Wissenschaftler verschwinden die Persönlichkeiten der Afrikaner_innen hinter von ihm und seinen Mitarbeiter_innen gesammelten medizinischen Daten über diese, die in zahlreichen biometrischen17 Messungen, die sich über vier Monate erstreckten, ermittelt wurden, um die Kompatibilität ihrer Gehirnfunktionen mit denen der Peyrós sicherzustellen. Die Afrikaner_innen werden zu einer reinen Datenquelle herabgestuft, was in der Graphic Novel durch die in Großansicht gezeigten Krankenhausakten unterstrichen wird. Thacker stellt in diesem Zusammenhang fest: »It seems, then, that ›life itself‹ is constantly positioned between medical and economic value« (zit. in Palardy 2018, 82).18 Mendoza betrachtet die Afrikaner_innen lediglich als Untersuchungs- und Gebrauchsgegenstände. Einmal verwendet er sogar explizit das Wort »herramienta« (dt. ›Werkzeug‹, Barceló et al. 2014, 15). Auch für Tofòl stellen sie nur ein Mittel zur Verjüngung bzw. Lebensverlängerung dar. Sie werden zu ›gefügigen Körpern‹ im Sinne Foucaults (1976, 173) gemacht, die unterworfen, benutzt, umgestaltet und verbessert werden, um für Menschen in Machtpositionen von Nutzen zu sein (vgl. Palardy 2018, 79) und ähneln somit einer Maschine. Foucault stellt in diesem Zusammenhang fest:

Der Homme-Machine von La Mettrie19 ist sowohl eine materialistische Reduktion der Seele wie eine allgemeine Theorie der Dressur, zwischen denen der Begriff der ›Gelehrigkeit‹ herrscht, der den analysierbaren Körper mit dem manipulierbaren Körper verknüpft. Gelehrig ist ein Körper, der unterworfen werden kann, der ausgenutzt werden kann, der umgeformt und vervollkommnet werden kann. (Foucault 1976, 174)

Damberger betrachtet in diesem Sinne Formen des Human Enhancement als »weitere Ausdehnung menschlicher Verfügungsmacht« (zit. in Loh 2018, 85). Das transhumanistische Enhancement degradiert den Menschen zum passiven Material der (Um-)Gestaltung. Der Bewusstseinstransfer führt somit zu einer Dehumanisierung, Mechanisierung und Passivierung der anfitriones. Er hat zur Folge, dass Abraham und Sarah für die meiste Zeit ihres weiteren Lebens ihren Status als Subjekt verlieren, denn laut William Haney ist Subjektivität an das Bewusstsein gebunden: »cognitive scientists tend to equate consciousness with subjectivity, which they associate with the thinking mind as an extension of body, nature and culture« (Haney 2006, 1). Haney führt weiter aus: »the posthuman view considers consciousness […] as the seat of human identity« (Hayles zit. in Haney 2006, 2). Mit der Zuschreibung von Personalität geht zudem die Vorstellung einher, dass die entsprechende Person in der Lage ist, ihr Dasein selbst zu verantworten (vgl. Loh 2018, 106), was für die beiden Afrikaner_innen nur für wenige Stunden täglich gegeben ist. In der Zeit, in der Tofòl und Anna über Abrahams und Sarahs Körper verfügen, werden wesentliche Gesichtspunkte, die ein Subjekt definieren, unterdrückt. Haney stellt als Merkmale von Subjektivität vor allem Willenskraft bzw. - äußerung und den freien Willen heraus (vgl. Haney 2006, 4). Die eigenen Wahrnehmungen, Gefühle, Wünsche, die Handlungsmacht sowie die Freiheit des Willens der Afrikaner_innen ist allerdings meist stark eingeschränkt, obwohl das Ziel des Transhumanismus eigentlich in der Förderung und Ausweitung der Freiheiten des Individuums besteht. Davon kann in Mil euros por tu vida allerdings nur in Bezug auf die beiden Europäer_innen die Rede sein.

Dennoch behauptet Dr. Mendoza, dass es sich bei dem Bewusstseinstransfer um einen »acto de caridad« (dt. ›wohltätiger Akt‹, Barceló et al. 2014, 40) handle, da die Familien der beiden Afrikaner_innen zusätzlich zu den 1000 Euro, die diese erhielten, als sie für den Eingriff ausgewählt wurden, die Hälfte der 100 000 Euro erhalten würden, die die Peyrós für die Operation bezahlen müssen. Diesen wird somit, um ihr Gewissen zu beruhigen, der Eindruck vermittelt, dass sie Menschen in Armut unterstützen. Die Leser_innen erfahren aber im Laufe der Lektüre, dass dies nicht der Wahrheit entspricht und erkennen so, dass auch Menschen mit guten Absichten ohne ihr Wissen zur ›Mittäter_in‹ bei einer Art futuristischem Sklavenhandel werden können (vgl. dazu auch Palardy 2018, 74).20

Abb. 3: Anna und Tofòl nach dem Transfer (Barceló et al. 2014, S. 42).

Der Bewusstseinstransfer, der an eine Geldüberweisung erinnert, da der menschliche Geist von einem Körper in einen anderen überführt wird, wie Geld von einem Konto auf ein anderes (vgl. Del Valle Luque 2013, 8), wird nicht näher beschrieben und auch nicht bildlich dargestellt. Sie stellt für Anna und Tofòl den Beginn eines neuen Lebens dar, den sie gebührend feiern. Sie veranstalten eine Gartenparty auf ihrem Anwesen in Barcelona, zu der die gesamte High Society Kataloniens eingeladen ist und auf der sie sich als stolze Besitzer_innen ihrer neuen Körper präsentieren. Diese Zurschaustellung wird auf einer Splash Page dargestellt, wodurch die Bedeutung des Augenblicks für die Peyrós hervorgehoben wird.

Das Ehepaar steht, gekleidet in Abendgarderobe, auf einer Treppe in erhöhter Position, während unten zahlreiche ältere, ebenfalls sehr gut angezogene Menschen zu sehen sind, deren Gesichtsausdrücke Überraschung und Bewunderung vermitteln. Die Leser_innen erkennen nun, wie die Peyrós nach dem Eingriff das äußere Erscheinungsbild von Abraham und Sarah ihren Wünschen gemäß haben ändern lassen. Beide haben einen neuen Haarschnitt nach europäischer Mode bekommen (Abrahams Rasta-Zöpfe wurden entfernt) und sind völlig neu eingekleidet worden. Durch die an den beiden jungen Menschen vorgenommenen Änderungen wird deren Degradierung zu Gegenständen, die nach Belieben bearbeitet werden können, noch einmal hervorgehoben.

4. Der Transfer als Allegorie

Der Vorgang der Überführung des Bewusstseins der beiden Katalan_innen in die Körper der Afrikaner_innen kann als Allegorie verstanden werden und lässt verschiedene Interpretationen zu, denn er erweckt Assoziationen mit diversen Themen wie Imperialismus, Kolonialismus, Sklaverei und Immigration (vgl. dazu auch Palardy 2018, 66), auf die nachfolgend im Einzelnen eingegangen wird.

4.1 Imperialismus

Der Begriff ›Imperialismus‹ bezeichnet die »zielstrebige Erweiterung und den systematischen Ausbau des wirtschaftlichen, militärischen, politischen und kulturellen Macht- und Einflussbereichs eines Staates in der Welt« (Schubert/Klein 2006, 141). Imperialismus beinhaltet somit verschiedene Formen der Machtausübung über das eroberte Land, so wie Anna und Tofòl in Mil euros por tu vida Macht über die von ihnen ›eroberten‹ Körper von Abraham und Sarah ausüben. Die Konstellation ›spanischer Eroberer – afrikanischer Entmachteter‹ weist Parallelen zur spanischen Geschichte auf, denn während des Zeitalters des Imperialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert kam es zur Eroberung afrikanischer Gebiete durch die Spanier, die eine Unterwerfung und Kontrolle der autochthonen Bevölkerung mit sich brachte.21 In der zu analysierenden Graphic Novel werden von den Peyrós ebenfalls die verschiedensten Maßnahmen ergriffen, um die beiden jungen Afrikaner_innen zusätzlich zu der Zeit, in der diese nicht bei Bewusstsein sind, auch während der Zeit, in der die beiden Zugang zu ihrem Bewusstsein haben, unter Kontrolle zu halten und zu verhindern, dass sie ihre Körper ›beschädigen‹ und somit für das Ehepaar Peyró ›unbrauchbar‹ machen oder etwa fliehen. Die zu diesem Zweck getroffenen Vorkehrungen führen dazu, dass das Anwesen der Peyrós einem Hochsicherheitsgefängnis gleicht. Das Haus wurde so umgebaut, dass die beiden Afrikaner_innen ständig überwacht werden. Die grafische Erzählung bildet diesbezüglich zahlreiche Details ab, durch die eine Gefängnisatmosphäre erzeugt wird: Eisengitter vor den Fenstern, Mauern, Zäune, Überwachungskameras, Sicherheitspersonal etc. Zusätzlich schließen sich die Katalan_innen sogar, immer kurz vor der Zeit, in der die Afrikaner_innen wieder über ihr eigenes Bewusstseins verfügen können, in getrennten Räumen ein und verstecken die Schlüssel, damit Abraham und Sarah nicht hinausgelangen können, was die Assoziation mit Gefängniszellen nahelegt. Die beschriebenen Raumkonstruktionen erinnern an Michel Foucaults Konzept der Disziplinarmacht (vgl. Palardy 2018, 65). Foucault konstatiert, dass für die Schaffung gefügiger Körper deren Umgebung so gestaltet werden muss, dass sie einerseits eingegrenzt und andererseits so unterteilt ist, dass es nicht zur Gruppenbildung kommen kann:

Bisweilen erfordert die Disziplin die Klausur, die bauliche Abschließung eines Ortes von allen anderen. […] Aber das Prinzip der ›Klausur‹ ist in den Disziplinarapparaten weder durchgängig noch unverzichtbar noch hinreichend. Diese bearbeiten nämlich den Raum noch viel feiner und geschmeidiger. Zunächst nach dem Prinzip der elementaren Lokalisierung oder der Parzellierung. Jedem Individuum seinen Platz und auf jeden Platz ein Individuum. Gruppenverteilungen sollen vermieden, kollektive Gesinnungen sollen zerstreut werden. (Foucault 1976, 181–183)

Die Umgebung und deren einzelne Bereiche müssen die Bewohner_innen zu einer monotonen Routine zwingen und sie voneinander isolieren, wie es auch im Haus der Peyrós praktiziert wird. Disziplinarmacht ist besonders effektiv, wenn sie indirekt ausgeübt wird, indem die Betroffenen dazu genötigt werden, freiwillig an ihrer eigenen Unterdrückung mitzuwirken (vgl. Palardy 2018, 77). Dies ist auch in Mil euros por tu vida der Fall, da Sarah und Abraham ihre Körper zwar freiwillig zur Verfügung stellen, aufgrund ihrer ökonomischen Situation aber eigentlich keine andere Wahl haben.

Neben den Umbaumaßnahmen im Haus der Peyrós verdeutlichen insbesondere die Sicherheitskräfte, die Tofòl eingestellt hat, die Ausübung von Kontrolle. Diese sind teils als kleine schwarze Figuren im Hintergrund, die die Handlung nicht beeinflussen, zu sehen, teils werden sie aber auch bei ihrer Überwachungstätigkeit gezeigt. So sind die beiden ­Bodyguards Sergi und Ricard beispielsweise dabei zu sehen, wie sie von einer erhöhten Position im oberen Teil der Villa aus das Anwesen überblicken und die dortigen Vorgänge beobachten. Diese Perspektive wird im imperialen Kontext auch als ›Feldherrenperspektive‹ bezeichnet, da sie dem Blickwinkel eines Heerführers entspricht, der von einem Feldherrenhügel aus die Eroberungsfeldzüge überblickt und leitet.22 In Mil euros por tu vida wird aus der Aufsicht, die die Perspektive der Sicherheitskräfte darstellt und die Kontrolle und Dominanz über die beiden jungen Afrikaner_innen betont, gezeigt, wie Abraham eines Nachts, nachdem er den Schlüssel zu seiner Zimmertür schließlich trotz des ausgeklügelten Verstecks doch gefunden hat, das Haus verlässt und sich an den Pool setzt, wo sich auch Sarah gerade aufhält, der es ebenfalls gelungen ist, sich aus ihrem Zimmer zu befreien. Die Sicherheitskräfte bringen die beiden nur deshalb nicht in ihre Zimmer zurück, da sie sich nicht sicher sind, ob nicht Tofòl und Anna gerade die Kontrolle über den jeweiligen Körper haben, denn ihnen wurde gesagt, dass die beiden Afrikaner_innen ihre Zimmer nachts nicht verlassen können.

Die Verfügungsgewalt, die Anna und Tofòl über die Körper von Sarah und Abraham ausüben, entspricht der Beziehung von Herr und Sklave, denn die beiden jungen Afrikaner_innen sind im wahrsten Sinne des Wortes ›Leibeigene‹ der Peyrós, über deren Körper diese fast rund um die Uhr verfügen können und die 20–22 Stunden täglich für sie ›arbeiten‹ müssen. Auch dazu sind Parallelen in der spanischen Geschichte auszumachen. Im 16. Jahrhundert wurde Sevilla zu einem der bedeutendsten Häfen im transatlantischen Sklavenhandel, sodass die Anzahl afrikanischer Sklav_innen auf der iberischen Halbinsel stark zunahm (vgl. Cortés López 1989, 25–27). Die afrikanischen Sklav_innen waren damals großer Intoleranz und rassistischer Diskriminierung ausgesetzt. In Mil euros por tu vida ist vor allem bei Tofòl Rassismus zu erkennen, da er Abraham nie mit Namen nennt, sondern immer nur abfällig von »el negro« (dt. ›dem Schwarzen‹) spricht. Die Versklavung von Afrikaner_innen wurde im Spanien des 16. Jahrhunderts häufig damit gerechtfertigt, dass sie es diesen erlauben würde, dem Christentum, d.h. der nach Meinung der Spanier einzig ›richtigen‹ Religion, beizutreten. Auch Anna beruhigt ihr Gewissen damit, dass sie den Familien von Abraham und Sarah eigentlich etwas Gutes tue, da sie diese, wie sie glaubt, aus der Armut befreit.

4.2 Kolonialismus

Der Begriff ›Kolonialismus‹ bezeichnet die »Ausdehnung der Herrschaftsmacht europäischer Länder auf außereuropäische Gebiete mit dem vorrangigen Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung« (Schubert/Klein 2006, 159): Während Imperialismus verschiedene Formen der Kontrolle über das eroberte Land beinhaltet, bedeutet Kolonisierung die Verwaltung, Nutzung und Besiedlung fremder Länder. In einem kolonialen Kontext wäre das Ehepaar Peyró mit einem Kolonisator zu vergleichen, der in ein fremdes Land eindringt und sich die dortigen natürlichen Ressourcen aneignet, d.h. in diesem Fall die Körper von Sarah und Abraham (vgl. Palardy 2018, 83). Der Grund für koloniale Expansionsbestrebungen ist häufig, dass die natürlichen Ressourcen im eigenen Land aufgebraucht und somit neue notwendig sind, die in Kolonien zu finden sind. In vergleichbarer Weise sind auch die Körper von Anna und Tofòl aufgrund ihres hohen Alters ›verbraucht‹, sodass neue ›Ressourcen‹ benötigt werden, die die jungen Körper von Sarah und Abraham bieten. Die Körper werden als ›Rohstoffe‹ betrachtet, die verbraucht und dann durch neue ersetzt werden können.

Weitere Assoziationen mit Kolonialismus weckt der Umstand, dass Tofòl nach dem Transfer darauf besteht, dass Abrahams Haut aufgehellt werde. Zudem wird Abrahams Gesicht chirurgisch verändert, sodass er nach dem Eingriff über höhere Wangenknochen und eine schmalere Nase verfügt. Dies erinnert zunächst erneut an Foucaults Überlegungen zu ›gefügigen Körpern‹. Foucault konstatiert:

Aus einem formlosen Teig, aus einem untauglichen Körper macht man die Maschine, deren man bedarf; Schritt für Schritt hat man die Haltungen zurechtgerichtet, bis ein kalkulierter Zwang jeden Körperteil durchzieht und bemeistert, den gesamten Körper zusammenhält und verfügbar macht und sich insgeheim bis in die Automatik der Gewohnheiten durchsetzt. (Foucault 1976, 173)

Wie eine ›formbare Masse‹ werden auch die Körper von Abraham und Sarah nach dem Eingriff behandelt. Die schwarzen Körper werden dem Erscheinungsbild und Schönheitsideal der Weißen angepasst, um ihren Wert zu erhöhen. Dies weckt Assoziationen mit dem Konzept kolonialer Mimikry nach Homi Bhabha (vgl. Palardy 2018, 80). Demnach müssen die Kolonisierten im Sinne der Akkulturation den Kolonialherren gleich werden, was allerdings nie ganz gelingen kann. Andererseits sollen die Kolonisierten aber auch weiterhin als die ›Anderen‹ identifizierbar sein, sodass die Grenze zu diesen aufrechterhalten werden kann: »koloniale Mimikry [ist] das Begehren nach einem reformierten, erkennbaren Anderen als dem Subjekt einer Differenz, das fast, aber doch nicht ganz dasselbe ist« (Bhabha 2007, 126, Hervorh. im Original). Die nicht perfekte Nachahmung führt den Kolonisatoren ihr mangelhaftes Spiegelbild vor Augen. Der koloniale Diskurs schwankt daher zwischen Dominanz und Angst vor Selbstverlust. Diese Problematik wird im Rahmen des spanischen Kolonialismus zusätzlich dadurch verstärkt, dass Spanien von europäischen Großmächten wie England und vor allem Frankreich aufgrund der jahrhundertelangen Maurenherrschaft (710–1492) auf der iberischen Halbinsel bereits seit dem 18. Jahrhundert aus einer orientalistischen Perspektive betrachtet und als ›Afrika Europas‹ bezeichnet wurde, wobei mit dieser Sichtweise die Zuschreibung von Attributen wie Rückständigkeit und Unterentwicklung verbunden war (vgl. Tschilschke 2008, 209–211). Aufgrund dieser Zuschreibungen war in Zusammenhang mit dem spanischen Kolonialismus in Nordafrika die Verschiedenheit bzw. Überlegenheit zwischen Kolonisator und Kolonisiertem fragwürdig. Die Katalanen übernahmen die orientalistische Sichtweise auf die anderen Spanier, bezogen sie aber nicht auf sich selbst, da die von Frankreich und anderen europäischen Ländern vorgebrachten Vorwürfe auf sie, ihrer Meinung nach, nicht zutrafen, da Katalonien Mitte des 19. Jahrhunderts als einzige spanische Region bereits industrialisiert (und somit nicht rückständig) war und sich außerdem im Mittelalter relativ schnell wieder von der Herrschaft durch die Mauren hatte befreien können (im Jahr 812; vgl. dazu ausführlich Kühne 2017, 286–294).23 Die Aufrechterhaltung der Grenze zu den Kolonisierten war damit für die katalanischen Kolonisatoren von essentieller Bedeutung für ihre kulturelle Identität und ihre Abgrenzung von den übrigen Spaniern, auf die sie großen Wert legten. Das gleiche gilt in Mil euros por tu vida für die Katalan_innen Tofòl und Anna, die ihre ursprüngliche Identität und ihren früheren Lebensstil beibehalten und somit die Grenze wahren, wie es auch viele Siedler im Zeitalter des Kolonialismus taten. Lorenzo Veracini stellt in diesem Sinne fest: »Settlers do not discover: they carry their sovereignty and lifestyles with them. […] As they transform the land into their image, they settle another place without really moving.« (Zit. in Palardy 2018, 84) Obwohl Anna und Tofòl nun Zugriff auf die Fähigkeiten von Sarah und Abraham haben, nutzen sie diese nicht, da sie sie nicht als ihre eigenen betrachten und sich auch nicht dafür interessieren. In der Graphic Novel wird dies an dem Beispiel aufgezeigt, dass Anna nach dem Transfer auch Teppiche knoten könnte, wenn sie wollte, woran sie aber kein Interesse zeigt. Hier wird deutlich, dass die Peyrós zeitaufwendige Arbeiten wie die handwerkliche Teppichherstellung nicht wertschätzen, genauso wenig, wie sie es zu schätzen wissen, dass Abraham und Sarah die meiste Zeit ihres Lebens opfern, damit Anna und Tofòl nicht mit den Problemen des Alters zu kämpfen haben.

4.3 Immigration

Der Vorgang der Transferierung und dessen Folgen für das Leben von Sarah und Abraham weisen auch Ähnlichkeiten mit der Situation von Immigrant_innen in Spanien zu Beginn dieses Jahrhunderts auf. Diese nehmen häufig gefährliche und zeitaufwendige Berufe auf sich, die meist von Spanier_innen abgelehnt werden, wie z.B. in der Baubranche oder in der Altenpflege (vgl. ebd., 67). Die Ausübung eines ›zeitaufwendigen Berufs‹ wird in der Graphic Novel in dystopisch übersteigerter Form dargestellt, da die beiden jungen Afrikaner_innen nur 2–4 Stunden pro Tag zu ihrer freien Verfügung haben. Der Umstand, dass die Aufgabe der beiden darin besteht, dem Ehepaar Peyró durch ihre jungen Körper das Leben zu erleichtern, erinnert an aktuelle Fragen der Altenpflege, ein Bereich, in dem heute zahlreiche, meist junge Immigrant_innen viel Zeit investieren, um die Lebensumstände älterer Menschen zu verbessern.24

Die wenige Freizeit, die Immigrant_innen zur Verfügung steht, stellt für diese ein großes Hindernis beim Aufbau sozialer Beziehungen außerhalb der Arbeit dar. Häufig besteht der einzige Kontakt von Immigrant_innen zu Spanier_innen in ihren Dienstleistungen. Dies ist auch bei Abraham und Sarah der Fall, die durch die zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen, die von den Peyrós getroffen wurden, völlig auf dem Anwesen isoliert sind. Auch heutzutage wohnen viele Immigrant_innen in Spanien in bestimmten Stadtvierteln und sind somit auch räumlich von der spanischen Bevölkerung getrennt, weshalb sie für viele Spanier fast ›unsichtbar‹ sind (vgl. ebd.).

Die Tatsache, dass die beiden Afrikaner_innen in Mil euros por tu vida nur wenige Nachtstunden über ihr Bewusstsein verfügen dürfen, erinnert laut Palardy an nicht registrierte Immigrant_innen, die ebenfalls nur zu bestimmten Zeiten aus ihren Verstecken herauskommen können (vgl. ebd., 89) und somit ein Schattendasein fristen. Wie ein Schatten fühlt sich auch Abraham, der sich durch den Verzehr von Schokolade erst davon überzeugen muss, dass er aus Fleisch und Blut besteht. Da die Peyrós ihre Körper mit ausreichend Nahrung versorgen, hat Abraham eigentlich keinen Appetit, sondern isst die Schokolade lediglich, um ganz gewöhnlichen alltäglichen Tätigkeiten lebendiger Wesen nachzugehen.

5. Das Aufkommen ethischer Fragen und moralischer Dilemmata als Folge des Transfers

Der Umstand, dass es Sarah und Abraham gelungen ist, sich aus ihren Zimmern zu befreien, Kontakt zueinander aufzunehmen und somit einen Teil ihrer Handlungsmacht zurückzugewinnen, wird von den Peyrós erst bemerkt, als diese eines Morgens nebeneinander aufwachen. Erst jetzt beginnen sie, die beiden Afrikaner_innen nicht mehr nur als Gebrauchsgegenstände zu betrachten und erkennen, dass diese über einen eigenen Willen und eigene Bedürfnisse verfügen und in der Zeit, in der sie Zugang zu ihrem Bewusstsein haben, als eigenständig handelnde Subjekte zu betrachten sind. Die Reaktion der beiden Eheleute auf diese Einsicht könnte nicht verschiedener sein. Bei Tofòl löst die Erkenntnis, dass die Körper von ihm und seiner Frau durch ein jeweils fremdes Bewusstsein bewegt werden können und dass die Afrikaner_innen somit in der Lage sind, Einfluss auf sein Leben auszuüben und sich seiner Kontrolle zu entziehen, ein Gefühl der Bedrohung aus, denn Abraham und Sarah erhalten so auch eine gewisse Macht über Anna und ihn. Bei Anna hingegen kommen erneut Gewissensbisse auf: »Nosotros nos hemos quedado con sus cuerpos, con sus vidas … En el fondo es una suerte que se lleven bien«25 (Barceló et al. 2014, 51).

Abb. 4: Gegenüberstellung der beiden Paare in den gleichen Körpern (Barceló et al. 2014, S. 51).

Während in der oberen Hälfte der entsprechenden Seite die Gespräche und Handlungen der Peyrós gezeigt werden, sind in der unteren Hälfte, auf dem Kopf stehend, sodass das Heft beim Lesen herumgedreht werden muss, die beiden Afrikaner_innen zu sehen, während sie bei Bewusstsein sind. Durch diese Darstellungsweise wird das hierarchische Verhältnis zwischen den Europäer_innen und den Afrikaner_innen zum Ausdruck gebracht, denn Tofòl und Anna stehen nicht nur auf der Comic-Seite, sondern auch in der zwischen ihnen und Abraham und Sarah etablierten Rangordnung über den Afrikaner_innen. Vor allem Tofòl ist es besonders wichtig, diese Hierarchie aufrecht zu erhalten.

Die Handlungen in der oberen und unteren Hälfte finden zwar in einem zeitlichen Abstand statt, können durch diese Art der Präsentation, die an keiner anderen Stelle der Graphic Novel auftaucht, aber gut gegenübergestellt und verglichen werden, da die Leser_innen die Möglichkeit haben, sowohl das ältere Ehepaar als auch die beiden jungen Afrikaner_innen gleichzeitig in den gleichen Körpern zu sehen. Die unten auf den Seiten abgebildeten Sequenzen geben den Leser_innen einen Einblick in die Haltung von Abraham und Sarah in Bezug auf den Transfer, auf die bisher nicht eingegangen wurde, um ihre Degradierung zu ›Werkzeugen‹ bzw. ›Maschinen‹ zu unterstreichen, während die Ansichten der Peyrós von Beginn an bekannt waren. Durch die Konstruktion der Identitäten der Afrikaner_innen wird nun die Wahrnehmung der beiden als Personen seitens des Ehepaares Peyró kenntlich gemacht. Abraham hält den Bewusstseinstransfer für ein Verbrechen (im moralischen Sinne). Während er der Meinung ist, dass er machtlos sei, und somit seine Benutzung als Gegenstand hinnimmt, entscheidet sich Sarah, zu handeln und ihren Subjektstatus deutlich zu machen. Sie beginnt in das Tagebuch von Anna zu schreiben und so mit dieser zu kommunizieren und ihr auf diese Weise ihre Persönlichkeit zu zeigen, nachdem sie selbst durch das Lesen des Tagebuchs bereits etwas über Anna und deren schlechtes Gewissen erfahren hat. Dadurch gelingt es den beiden, sich kennenzulernen und sich gegenseitig anzunähern. Die Kommunikation wird durch zwei Panels, die jeweils die obere und untere Hälfte der Seite einnehmen und an der Mittellinie gespiegelt erscheinen, dargestellt.

Abb. 5: Die Kommunikation zwischen Sarah und Anna (Barceló et al. 2014, S. 51).

Die beiden Frauen werden auf dem Bett liegend und in das Tagebuch schreibend gezeigt, während die jeweiligen Männer schlafen, die ihrerseits kein Interesse an einer Kontaktaufnahme haben. Der offene und interessierte Umgang der beiden Frauen mit dem ›Fremden‹, steht im krassen Gegensatz zum Verhalten der Männer. Als Sarah/Anna schwanger wird, tauschen sich die beiden mittels des Tagebuchs darüber aus und treffen gemeinsam den Entschluss, das Kind zu bekommen und ihre Männer dazu zu bringen, dem zuzustimmen. Sarah ist es somit gelungen, Einfluss auf die Entscheidungen, ihren Körper und ihre Zukunft betreffend, zu erlangen. Beide Frauen stoßen allerdings auf erheblichen Widerstand. Abraham reagiert besonders aggressiv. Seine Wut entlädt sich in unkontrollierter Gewalt, die sich zunächst gegen unbelebte Gegenstände richtet, später aber auch gegen Sarah und sich selbst. Er beabsichtigt, sie beide mit einer zerbrochenen Weinflasche zu töten und kann nur durch die Sicherheitskräfte von seinem Vorhaben abgehalten werden. Da die Afrikaner_innen als Gebrauchsgegenstände betrachtet werden, sieht Abraham seine einzige Möglichkeit, sich der Macht der Peyrós zu entziehen bzw. Macht über sie auszuüben, in der Selbstzerstörung. Palardy vergleicht sein Verhalten treffend mit einem streikenden Arbeiter (Palardy 2018, 79). Durch sein aggressives Verhalten unterstützt Abraham unbewusst die ihm zuteil gewordene Dehumanisierung, da er sich nicht wie ein vernunftbegabtes Wesen verhält, das sich laut dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty u.a. dadurch auszeichnet, Probleme mit Worten zu lösen: »der Begriff ›Vernunft‹ [ist], sofern er überhaupt etwas bedeutet, die Möglichkeit sprechender Subjekte […], einander zu überreden, statt Gewalt anzuwenden. Ein rationales Seiendes ist eins, dessen Überzeugungen man eher durch Worte als durch Zwang verändern kann.« (Zit. in Tetens 1999, 3) Abraham möchte auf keinen Fall, dass das Kind zur Welt kommt, denn er sieht es als Kind der Peyrós an und betrachtet es aufgrund des ›unnatürlichen‹ Umstands, dass es vier Elternteile hat, als »hijo del diablo«26 (ebd.). Er setzt somit die biomedizinische Entwicklung und die damit verbundenen Möglichkeiten bzw. Konsequenzen mit einem ›Teufelswerk‹ gleich. Er möchte kein Kind von ›Weißen‹ großziehen, das »negro por fuera pero blanco por dentro«27 (ebd., 32) ist und lässt damit, genau wie Tofòl, eine rassistische Gesinnung erkennen.

Auf der Seite neben derjenigen, auf der Abrahams Wutanfall abgebildet ist, ist die Reaktion von Tofòl auf die überraschende Neuigkeit zu sehen. So wird ein direkterer Vergleich des Umgangs der beiden Paare mit dem gleichen Problem möglich und Ähnlichkeiten und Unterschiede werden besonders deutlich. Wenn Tofòl auch nicht mit der Zerstörung von Gegenständen reagiert, ist er doch nicht weniger wütend und verlangt von Anna eine Abtreibung. Bald wird klar, dass das eigentliche Problem für ihn, ähnlich wie für Abraham, darin besteht, dass er nicht sicher ist, ob er das Kind als sein eigenes betrachten kann: »¡Nisiquierasabemos de quién es!«28 (Ebd., 55) Das (schwarze) Kind zu bekommen, würde eine zu starke Assimilierung bzw. Annäherung an die Afrikaner_innen bedeuten, sodass die Abgrenzung von diesen, auf die Tofòl so großen Wert legt, nicht aufrechterhalten werden könnte.29 Zum ersten Mal beginnt er nun sich der ganzen Tragweite und der Konsequenzen des Bewusstseinstransfers sowie seiner eigenen Hybris bewusst zu werden: »Y [elniño es también] de ellos, de esapareja de negrosque nos hemoscompradocomo si fueranun par de zapatos, sin pensar en las consecuencias. Ésa es suvenganza.«30 (Ebd., 55).31

Während Abraham und Tofòl das Kind ablehnen und sich als Gegner ansehen, da sie sich nicht um eine gegenseitige Annäherung bemüht haben, betrachten Sarah und Anna das Kind als ihr eigenes. Beide Frauen beweisen durch ihr kooperatives Verhalten laut Victoria del Luque eine »sensibilidad femenina« (Valle Luque 2013b, 10) sowie eine »inteligencia emocional« (ebd, 11), über die die Männer nicht verfügen. Dennoch geben sowohl Tofòl als auch Abraham schließlich nach, und das Kind wird geboren.

6. Implikationen des Endes der Graphic Novel und die Rolle des Kindes der transferidos als Grenzgänger

Am Ende der Graphic Novel befindet sich unter einem Bild des neugeborenen Kindes Isaac ein Blocktext, der nüchtern die neuesten Entwicklungen bezüglich der Transfers und deren gesellschaftliche Implikationen sowie die beteiligten Institutionen und die einschlägige Gesetzgebung beschreibt und biometrische Daten über das Kind nennt. Der Missbrauch der Afrikaner_innen wird verschwiegen. Durch den sachlichen Stil des Textes sowie durch den Umstand, dass den Leser_innen kein Einblick in die Gedanken und Gefühle der Protagonist_innen mehr gewährt wird, werden diese dazu angeregt, sich selbst eine Meinung bezüglich der Geschehnisse und Entwicklungen zu bilden. Dem Text ist zu entnehmen, dass der Preis für die Transfers rapide steigt, da die Bevölkerung Afrikas immer mehr abnimmt, sodass immer weniger anfitriones zur Verfügung stehen. Der Hinweis auf die steigenden Kosten für einen Transfer verdeutlicht noch einmal, dass der Eingriff und die damit verbundene ewige Jugend und Amortalität nur für einige Menschen möglich ist, so dass die herrschende sozioökonomische Ungleichheit noch mehr verstärkt wird. Der erwähnte Rückgang der afrikanischen Bevölkerung bei gleichzeitiger Zunahme des Alters der Europäer_innen32 könnte im schlimmsten Fall in einem Genozid enden, wenn immer mehr Menschen sich dem Eingriff unterziehen, da die natürlichen (menschlichen) Ressourcen irgendwann erschöpft sind. Die Afrikaner_innen wären dann ausgelöscht, wie die Identitäten der anfitriones vor dem Eingriff ausgelöscht wurden, sodass sich der Kreis schließt. Des Weiteren wird eine Diskussion im spanischen Parlament erwähnt, bei der es darum geht, ob die Zeit, in der die anfitriones über ihr Bewusstsein verfügen können, noch weiter reduziert werden sollte. Diese Tendenz zeigt die Gefahr von noch mehr Kontrollverlust seitens der anfitriones auf. In diesem Zusammenhang erhebt sich die Frage, wie weit dies gehen würde und ob die völlige Streichung einer Zeit mit Zugang zum eigenen Bewusstsein nicht den Tod der anfitriones bedeuten würde (vgl. dazu Palardy 2018, 82). Ferner wird berichtet, dass es mittlerweile mehrere Kinder von transferidos und auch von Paaren, von denen nur einer einen Bewusstseinstransfer hat vornehmen lassen, gibt und dass Gesetze erlassen werden sollen, um deren Rechte zu schützen, da zahlreiche leibliche Nachkommen von transferidos den Anspruch dieser Kinder auf Erbschaft anfechten. So werden auch die sozialen Probleme, die auf solche Kinder zukommen, angedeutet.

Auf der anderen Seite beinhaltet das Ende auch Hoffnung. Aus dem Blocktext geht hervor, dass die Kinder der transferidos im Allgemeinen von der Gesellschaft immer mehr akzeptiert werden, lediglich die katholische Kirche, die hier implizit für ihre konservative Haltung kritisiert wird, spricht sich entschieden gegen die Bewusstseinstransfers aus. Da die Kinder der transferidos sowohl Zugang zur europäischen als auch zur afrikanischen oder asiatischen Kultur haben, bietet sich ihnen die Möglichkeit, als Vermittler zu fungieren und gegenseitiges Verständnis herbeizuführen sowie identitätsstiftende Kategorien wie Rasse oder Schichtzugehörigkeit zu dekonstruieren. Solche Kinder sind als Grenzgänger zu betrachten. Unter diesem Begriff wird in der Kulturwissenschaft eine ›soziokulturelle Figur‹ (Fludernik/Gehrke zit. in Tschilschke 2013, 119) »von zumeist hoher Symbolkraft, deren Überschreitung räumlicher, ethnischer, kultureller und sprachlicher Grenzen [...] nicht ohne Auswirkungen auf die Konstruktion individueller und kollektiver Identität bleibt und die darüber hinaus die Grenze und den Akt der Grenzziehung problematisch werden lässt« (ebd.) verstanden. Sie sind somit vor allem Figuren, »die das Prinzip des Sowohl-als-auch verkörpern« (Assmann zit. in ebd.).33 In diesem Sinne ist Isaac Peyró genetisch das Kind von Sarah und Abraham und gehört somit einer immer noch von einigen Menschen als unterlegen betrachteten ›Rasse‹ an, wird aber überwiegend von Anna und Tofól erzogen und wächst so mit der europäischen Kultur und einer hohen sozialen Stellung auf. Außerdem wird er, wenn auch in geringerem Umfang, von den beiden Afrikaner_innen erzogen, sodass er auch die afrikanische Kultur kennenlernt und für die in Afrika herrschenden Probleme sensibilisiert werden kann.34 Anna und Sarah sind sich dieser Tatsache bewusst, denn sie hatten bei der Überredung ihrer Partner, das Kind zu bekommen, u.a. damit argumentiert, dass das Kind für beide Paare einen Hoffnungsschimmer darstelle. Anna erwähnt die Möglichkeit, dass es sich einmal um Tofòls Geschäfte kümmern könne, da sein leiblicher Sohn kein Interesse daran zeige, und Sarah äußert gegenüber Abraham, dass das Kind einmal ihre Familien in Afrika unterstützen könne. Sie möchte ihm daher seine Möglichkeiten und seine Verantwortung als ›Grenzgänger‹ erklären: »Haremosquecomprenda de dóndeviene, quién es, cuál es suresponsabilidad.«35 (Barceló et al. 2014, 57) Auch durch den Namen des Kindes wird eine mögliche positive Entwicklung angedeutet. Das Kind der Peyrós erhält den biblischen Namen Isaac (›Geschenk Gottes‹), denn es ist das Kind eines alten, eigentlich unfruchtbaren Ehepaares und gleichzeitig der Sohn von Abraham und Sarah. Auch in der Bibel ist Isaaks Geburt eine Art ›Wunder‹, da Sarah bereits das gebärfähige Alter überschritten hatte. In Mil euros por tu vida ist die Geburt ein ›Wunder der Technik‹, durch das die Grenzen der Natur überwunden werden (vgl. dazu auch Palardy 2018, 100). Der Name ›Abraham‹ bedeutet im Hebräischen ›Vater der vielen [Völker]‹, und Abraham gehört mit seinem Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob zu den drei Erzvätern, von denen die zwölf Stämme des Volkes Israel abstammen. In der analysierten Graphic Novel können Abraham und Isaac ebenfalls als Stammväter einer neuen Art Mensch aufgefasst werden. Auch durch die Anspielung auf den griechischen Mythos um Amphitrion, in dessen Gestalt Zeus den Herakles zeugt, mittels der Bezeichnung der als ›Hüllen‹ verwendeten Menschen als anfitriones wird eine bedeutende positive Rolle Isaacs, des Kindes der anfitriones, nahegelegt, da Herakles in der griechischen Mythologie dafür bekannt ist, die Welt von Ungeheuern zu befreien.

7. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung

Die Graphic Novel Mil euros por tu vida von Elia Barceló, Jordi Farga und Luis Miguez thematisiert den Wunsch des Menschen nach ewiger Jugend und Unsterblichkeit, den der Transhumanismus zu verwirklichen sucht, und wirft die Frage nach den moralischen Grenzen des technischen und medizinischen Fortschritts auf. Mittels der in der grafischen Erzählung dargestellten Möglichkeit reicher, älterer Europäer_innen, ihr Bewusstsein in junge Körper transferieren zu lassen, die von Afrikaner_innen oder Asiat_innen in finanzieller Not zur Verfügung gestellt werden, wird die Macht des Geldes und die Ausbeutung der Armen durch die Reichen unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit und die damit verbundene doppelte Moral kritisiert. Der Transhumanismus wird im Comic als dystopischer Trend in der gesellschaftlichen Oberschicht Spaniens dargestellt, der kaum einer Kontrolle unterliegt und dazu führt, dass in der grafischen Erzählung die Kluft zwischen Arm und Reich, die auch in der heutigen spanischen Gesellschaft existiert, sowohl innerhalb der europäischen Gesellschaft als auch zwischen der Ersten und der Dritten Welt immer größer wird. Im Rahmen der mit den Transfers verbundenen wenig ethischen Anwendung der medizinischen und technischen Möglichkeiten werden die anfitriones auf ihre biometrischen Daten reduziert. Ihre Identität wird somit ausgelöscht, was in der Graphic Novel sowohl textlich als auch auf der Bildebene (etwa durch die Darstellung der Krankenakten) herausgestellt wird. Die Afrikaner_innen werden zu Gebrauchsgegenständen herabgestuft, die nur wenige Stunden nachts Zugang zu ihrem Bewusstsein haben und selbst dann noch der Kontrolle ihrer europäischen ›Besitzer_innen‹, die perspektivisch durch die Verwendung der Aufsicht unterstrichen wird, unterliegen. Diese Kontrolle wird vor allem durch die an der Villa der Peyrós vorgenommenen Umbaumaßnahmen, die das Haus in eine Art Gefängnis verwandeln und an die Ausübung von Disziplinarmacht im Sinne Foucaults erinnern, gewährleistet. Liest man den Transfer allegorisch, eröffnen sich verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Er weist einerseits Parallelen zum spanischen Imperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts in Afrika auf, in dessen Rahmen die autochthone Bevölkerung der Beherrschung und Kontrolle durch die Spanier unterworfen war, wie Abraham und Sarah im Comic unter der Kontrolle der Peyrós stehen. Die Überführung des Bewusstseins weckt ebenfalls Assoziationen zum Kolonialismus. In diesem Sinne sind Tofòl und Anna als Kolonisator_innen zu verstehen, die sich in einem fremden Land, hier einem fremden Körper, ansiedeln. Die Körper werden als natürliche Ressourcen dargestellt, die aufgebraucht und ersetzt werden können. Zudem erinnert der Umstand, dass die äußere Erscheinung der Afrikaner_innen an das europäische Schönheitsideal angeglichen wird, wobei aber die Grenze zwischen der Identität bzw. den Persönlichkeiten der Europäer_innen und der Afrikaner_innen strikt aufrechterhalten wird, an Homi Bhabhas Konzept kolonialer Mimikry. Die Situation von Abraham und Sarah ist zudem mit der von heutigen Immigrant_innen in Spanien vergleichbar, die häufiger als einheimische Spanier_innen in der Altenpflege tätig sind und sehr viel Zeit investieren, um älteren Menschen das Leben angenehmer zu gestalten. Aufgrund ihrer langen Arbeitszeiten haben sie oft wenig Kontakt zu Spanier_innen, ähnlich wie die Afrikaner_innen in der Graphic Novel, die auf dem Anwesen der Peyrós isoliert sind. Das Ende der Graphic Novel eröffnet sowohl positive als auch negative Perspektiven. Das steigende Alter der Europäer_innen und die gleichzeitige Abnahme der afrikanischen und asiatischen Bevölkerung deutet die Tendenz zu einer möglichen Auslöschung dieser Ethnien an. Andererseits bietet die im Comic hervorgehobene Rolle der Kinder der transferidos als Vermittler zwischen der europäischen und der afrikanischen/asiatischen Kultur auch die Möglichkeit einer Annäherung zwischen beiden.

 

_______________________________________________________

Bibliografie

  • Barceló, Elia (W), Farga, Jordi (A), Miguez, Luis (P): Mil euros portu vida. Stuttgart: Klett, 2014.
  • Bhabha, Homi K.: Die Verortung der Kultur. Übers. v. Michael Schiffmann u. Jürgen Freudl. Tübingen: Stauffenburg, 2007 [1983–1994].
  • Cortés López, José Luis: La esclavitud negra en la España peninsular del siglo XVI. Salamanca: Universidad de Salamanca, 1989.
  • Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Übers. v. Walter Seitter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1976.
  • Haney, William S.: Cyberculture, Cyborgs and Science Fiction: Consciousness and the Posthuman. Amsterdam/New York: Brill Academic Pub, 2006.
  • Kühne, Ina: »Els catalans a l’Àfrica«. Die Rolle des Spanisch-Marokkanischen Kriegs von 1859/60 im katalanischen Identitätsdiskurs des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a. M.: Lang, 2017.
  • Kühne, Ina: »A l’Àfricaminyons!«. Zur Konstruktion katalanischer Identität in den Gemälden und Zeichnungen Marià Fortunys und Francesc Sans Cabots zum Ersten Spanisch-
  • Marokkanischen Krieg (1859–1860). In: Hispanorama 162, 4 (2018), S. 4–11.
  • Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung. Hamburg: Junius, 2018.
  • Martin-Márquez, Susan: Disorientations. Spanish Colonialism in Africa and the Performance of Identity. New Haven/London: Yale University Press, 2008.
  • Navarro, Fernando A.: »Host«. In: Diario Médico, <https://medicablogs.diariomedico.com/laboratorio/2007/03/14/que-dificil-es-el-ingles/>. 14.03.2007. Letzter Zugriff am 19.04.2019.
  • Palardy, Diana Q.: The Dystopian Imagination in Contemporary Spanish Literature and Film. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2018.
  • Schubert, Klaus, Klein, Martina: Politiklexikon. Bonn: Diez, 2006.
  • Tetens, Holm: »Die erleuchtete Maschine«. In: Zeit Online, <https://www.zeit.de/1999/24/199924.t_mensch_.xml>. 10.06.1999. Letzter Zugriff am 29.03.2019.
  • Tschilschke, Christian von: »Spanien als Afrika Europas. Zur Konjunktur einer Denkfigur im 18. Jahrhundert«. In: Die Konstituierung eines Kultur- und Kommunikationsraumes Europa im Wandel der Medienlandschaft des 18. Jahrhunderts. Hg. v. Siegfried Jüttner. Frankfurt a. M. u.a.: Lang, 2008, S. 209–229.
  • Tschilschke, Christian von: »Kulturelle Grenzgängerfiguren in der spanischen Afrikaliteratur vom 18.–20. Jahrhundert«. In: »Das Andere Schreiben«. Diskursivierungen von Alterität in Texten der Romania (16.–19. Jahrhundert). Hg. v. Susanne Greilich u. Karen Struve. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2013.
  • Valle Luque, Victoria del: »Mil euros por tu vida« – una narración en tres géneros y un fascinante ejemplo de la literatura juvenil fantástico-futurística. In: Hispanorama 140 (2013a), S. 8–13.
  • Valle Luque, Victoria del: Entrevista a Elia Barceló – una de las autoras más destacadas de literatura juvenil de la Península Ibérica. In: Hispanorama 140 (2013b), S. 14–17.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1: Barceló et al. 2014, S. 37
  • Abb. 2: Barceló et al. 2014, S. 40
  • Abb. 3: Barceló et al. 2014, S. 42
  • Abb. 4: Barceló et al. 2014, S. 51
  • Abb. 5: Barceló et al. 2014, S. 51