I Am Bored. But I Like It?

What Happens When Nothing Happens: Boredom and Everyday Life in Contemporary Comics rezensiert von Yvonne Kappel

Kann Langeweile spannend sein? Für Greice Schneider definitiv! Sie diskutiert in ihrem Buch What Happens When Nothing Happens: Boredom and Everyday Life in Contemporary Comics die Ästhetik des Alltäglichen und der Langeweile und deren Rolle in der Comic-Narratologie. Während Langeweile im Alltag eher negativ konnotiert ist, zeigt Schneider in ihrer dichten, informativen und definitiv alternativen Abhandlung von Langeweile, Ereignislosigkeit und dem Alltäglichen, dass Langeweile in Comics ein strategisches Mittel sein kann, um Ereignislosigkeit mal mit anderen Augen zu betrachten und zu lernen, das Alltägliche als mehr als nur ›ereignislos‹ wahrzunehmen. In Schneiders Buch geht es daher nicht darum, was in Comics ›passiert‹ sondern darum, wie Ereignislosigkeit etablierte narrative Konventionen hinterfragt. Ein guter Anfang, der den Grundstein legt in einem Feld, das mehr Erforschung verdient.

Eine Geschichte, so der Literaturwissenschaftler Michael Sayeau, folgt traditionell immer der impliziten Prämisse, dass zu irgendeinem Zeitpunkt etwas ›Bedeutsames‹ passiert, das die Leser_innen für ihre Geduld belohnt (Sayeau, 29). Greice Schneiders untersucht in What Happens When Nothing Happens: Boredom and Everyday Life in Contemporary Comics, was passiert, wenn ein Narrativ scheinbar aufhört, dieser impliziten Prämisse zu folgen. Das Buch ist geschrieben für all jene, die mit zeitgenössischen Comics arbeiten oder generell an zeitgenössischer Narratologie interessiert sind. Es nimmt sich zum Ziel, das narrative Potential von Langeweile und dem Alltäglichen aus historischer, ästhetischer und narratologischer Perspektive zu beleuchten. In den letzten Jahrzehnten, so Schneider, hat eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von dem Außergewöhnlichen zum Gewöhnlichen stattgefunden, die sich in zahlreichen Comicveröffentlichungen widerspiegelt, die den Leser_innen ereignishafte, überraschende und aufregende Plots verwehren. Dies heißt jedoch nicht, dass in den Comics ›nichts passiert‹. Vielmehr stellt Schneider im Verlauf ihres Buches überzeugend heraus, dass viele zeitgenössische Comics die klassischen Definitionen des ›Ereignisses‹ und der sogenannten ›tellability‹, d. h. was erzählbar ist und was nicht – Konzepte, die an der Basis der Narratologie verankert sind –, herausfordern und versuchen neu zu denken. Während in den Comics, die Schneider analysiert, scheinbar nichts auf der Plot-Ebene passiert, passiert Einiges zwischen Text und Leser_in, was dazu führt, dass das ›Ereignis‹ des Textes sich auf die Diskurs-Ebene verschiebt.

Das Buch ist aufgeteilt in vier Teile. Die ersten drei Teile widmen sich der Terminologie, Geschichte und Ästhetik von Langeweile und dem Alltäglichen. Der vierte Teil verbindet Theorie mit Analyse und untersucht Comics von Lewis Trondheim, Adrian Tomine und Chris Ware auf die poetologische Schlagkraft von Langeweile und dem Alltäglichen hin. In ihrer Einleitung stellt Schneider heraus, dass es gerade die »aesthetic of weak (non-cathartic) negative affects« (18) sind, welche die Künstler interessieren. Was löst der Comic in den Leser_innen aus, wenn er ihnen ständig Spannung verwehrt und der Text jegliche Erwartungen auf Handlung und Katharsis der Figuren enttäuscht? Um diese Fragen zu beantworten, geht Schneider noch einmal einen Schritt zurück, um sich zunächst der Frage zu widmen, woher die Konzepte des Ereignisses und der Langeweile überhaupt kommen. Mit dem Aufkommen von »alternative comics« in den 1990er und 2000er Jahren wurden ›langweilige Plots‹ sowie »loser figures« (46) immer legitimer und populärer. Diese alternativen Comics bestachen durch ihre Wertschätzung des Alltäglichen, wodurch sich ein radikaler Wertewechsel anzeigte. Schneider entwickelt vielversprechende Konzepte, um Langeweile in Comics zu kategorisieren und unterschiedliche Level zu unterscheiden und stellt außerdem poetologische Verfahren heraus, um Langeweile im Comic zu etablieren, wie zum Beispiel Schnelligkeit, Redundanz und Dichte (80). Langeweile kann dabei jeweils sowohl eine Reaktion auf zu wenig Abwechslung oder aber zu viel Entwicklung, die dadurch redundant wirkt, sein, da »either too little or too much change would menace interest« (82). Indem Schneider die poetologischen Verfahren herausstellt, zeigt sie überzeugend, dass Langeweile eine Funktion des Textes sein kann, die sorgfältig aufgebaut und intentionell eingesetzt wird. Im sechsten Kapitel verknüpft Schneider ihre theoretischen Überlegungen zu ›tellability‹, Langeweile und dem Alltäglichen dann mit den Spezifitäten des Comics als Kunstform. Der Comic hat eine spezielle Beziehung zum Spannungsaufbau, der oft als zentral für die Lesermotivation betrachtet wird. Das Lesen von Comics ist sowohl linear als auch räumlich, da die Leser_innen sowohl sukzessiv den einzelnen Feldern und Streifen folgen können, als auch sofort die Seite als Ganzes grafisch wahrnehmen können, so dass sie bereits eine Idee davon haben, was passiert, bevor sie die einzelnen Felder nacheinander studieren. In Comics, in denen nichts passiert, wird Spannung durch Suspension von Zeit ersetzt, wodurch die Erwartung selbst das Ereignis wird.

Ihre Analysen teilt Schneider nach drei Autoren auf: Lewis Trondheim, Adrian Tomine und Chris Ware. Durch ausgewählte Beispiele zeigt sie wie Comics Langeweile ästhetisch darstellen, »calling attention to the amusing contradictions of the quotidian« (156), durch Portraits von »routines, ›slice-of-life‹ stories« (165), oder die Simulation von Langeweile durch »strategies as slowness, immobility, loss of sense of time, excess and repetition« (175). In ihrem letzten Analysekapitel suggeriert Schneider, dass die Comics, die sie bespricht, die Ausdauer und Geduld der Leser_innen am Ende des Leseprozesses belohnen. Leider wird nie ganz deutlich, worin genau diese Belohnung besteht. Schneiders Schlussfolgerung fällt kurz aus und fasst ihre Arbeit mit der Erkenntnis zusammen, dass während nicht viel auf der Ebene des Plots passiert, viel für die Leser_innen passiert, die dadurch die Phänomene Langeweile und das Alltägliche lernen neu wahrzunehmen und aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Jedoch hält Schneider auch fest, dass »over time, boredom runs the risk of becoming merely conservatively boring« (196). Leider können Schneiders Analysen nicht immer ganz überzeugend herausstellen, dass die von ihr analysierte Ereignislosigkeit in den Comics tatsächlich mehr als »merely conservatively boring« ist.

Das Thema des Buches ist hochspannend und das Buch birgt viele Einsichten in Ästhetik- und Rezeptionstheorien. Was das Buch nie ganz zu beantworten vermag, ist die Frage nach dem so what? Was sind die Konsequenzen der beschriebenen Hinwendung zum Alltäglichen? Auch auf die Spezifitäten des Comics hätte sie noch stärker eingehen können, denn nach dem vergleichsweise langen theoretischen Teil scheinen die Besprechungen der Comics eher wie ein Nachgedanke – eine direkte Integration in die theoretischen Aushandlungen hätte dem eventuell vorgebeugt. Nichtsdestotrotz ist das Feld der ›Ereignislosigkeit‹ relativ unerforscht – vor allem auch im Bereich Comics –, so dass Schneiders Studie eine Lücke schließt und Anstoß dazu bietet, das Feld weiter zu erkunden und Antworten auf die von ihr in den Raum gestellten Fragen zu finden.

 

What Happens When Nothing Happens
Boredom and Everyday Life in Contemporary Comics
Greice Schneider
Leuven: Leuven University Press, 2016
224 S., 55 Euro
ISBN 978-9-462-70073-4