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Über diese Ausgabe

 

Aus welchem Stoff werden Comic- und (Super-)Helden_innen gemacht? Sie sind das Produkt ständigen Scheiterns, Leidtragende immer wiederkehrender Niederlagen, Opfer herber Rückschläge. Missgeschicke und Defizite erleben als Gegenentwurf zu einem effizienzfixierten Perfektionismus eine positive Umwertung im öffentlichen Diskurs: Neben neunmalklugen Manager-Ratgebern, die das Scheitern als Weg zum Endziel ›Erfolg‹ preisen und es damit zu nicht mehr als einem Etappenziel degradieren, lässt eine Vielzahl von Publikationen das Scheitern als eine Verweigerungshaltung gegenüber einem ›Höher. Schneller. Weiter‹ oder zumindest als Bruch mit einer als linear beschriebenen Fortschrittserzählung verstehen. Inwiefern lassen sich Prozesse des Scheiterns im Comic beobachten, auf Produktions- bzw. Distributions-, Handlungs- oder Darstellungsebene? Dieser Frage widmet sich der Themenschwerpunkt der aktuellen Ausgabe von CLOSURE.

Vor der leeren Seite scheinen zunächst alle Comickünstler_innen gleich. Doch noch bevor das erste Panel gezeichnet ist, sind die Erfolgschancen bereits deutlich verteilt. Katharina Brandl und Anne E. Moore zeigen empirisch und systematisch die Hindernisse auf, an denen Comic-Biographien zerschellen. Ihr Beitrag »Bound to fail. Living and working conditions in the comics industry« ist ein dringend notwendiges Korrektiv für jegliche Comicforschung, die über ästhetische Fragen und Parteinahme vergisst, dass Scheitern in einer zutiefst ungleichen und diskriminierenden Szene keine Frage des Talents ist.

Der Berliner Verleger Christian A. Bachmann widmet sich in seinen Beitrag »Aus dem Rahmen fallen / in den Rahmen fallen« Repräsentationen von Künstler_innen in Bildergeschichten des 19. Jahrhunderts und vor allem Comics um 1900. Wenn solche selbstreflexiven Darstellungen sich dieses Typus’ bedienen, greifen sie häufig auf scheiternde Figuren zurück – nicht zuletzt aufgrund des humoristischen Potentials, das diese bieten.

Anne Rüggemeier, Postdoktorandin am Freiburger Institute for Advanced Studies setzt sich in mit »graphic illness narratives« wie Brian Fies’ Mom’s Cancer (2006) oder Roz Chast’s Can’t we talk about something more pleasant (2014) auseinander. Wie stellen diese beiden Comics die Diskrepanz zwischen Erwartungshaltungen und entsprechenden Realitätskonfrontationen dar? Besonderes Augenmerk legt die Autorin dabei auf das Phänomen der ›Liste‹.

In ihrem Aufsatz »Scheitern als strukturierendes Prinzip« zeigt Daniela Kuschel (Universität Mannheim), wie der Comic Die Kunst zu fliegen (2012) des spanischen Autors Antonio Altarria und des Zeichners Kim auf motivischer sowie struktureller Ebene Scheitern thematisiert. So bekommen die Flüge und Landungen der Figuren eine andere Dimension: Höhenflüge und Bruchlandungen.

Im ersten Beitrag des offenen Themenbereiches sieht Peter Vignold, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, ein ›Goldenes Zeitalter‹ für Comicfilme anbrechen, nicht zuletzt beschreibt er in seinem Beitrag »You can’t save the world alone« das aktuelle Phänomen des Kino-Comic-Blockbusters.

Ein weiterer Beitrag zum offenen Themenbereich ist »The ›affected scholar‹: Reading Raina Telgemeier’s Ghosts (2016) as a Disability Scholar and Cystic Fibrosis Patient«. Dorothee Schneider, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kiel, vereint hierin persönliches Verständnis mit Comic-Analyse. Aus Sicht der Disabilities Studies argumentiert Schneiders Untersuchung der Repräsentation und Funktion von chronischen Krankheit im Comic Ghosts, dass die Einbeziehung der Betroffenen-Erfahrung zu einer wertvollen, kritischen Lesart beitragen kann.

Auch Sigrid Thomsen, Universitätsassistentin an der Forschungsplattform Mobile Kulturen und Gesellschaften an der Universität Wien, fokussiert in »Readable Space and Practice« ebenfalls Krankheit. Im Speziellen untersucht sie Alison Bechdels Comic Fun Home (2006) und Justin Greens Binky Brown Meets the Holy Virgin Mary (1995) auf deren Darstellungsweisen von Zwangsstörungen.

Für unsere Rubrik ComicKontext haben wir Marc-Oliver Frisch gefragt, wie er die gegenwärtige Comic-Kritik beurteilt. Der langjährige Comic-Kritiker (Tagesspiegel, u. a.) spart nicht mit Kritik an der Kritik. Doch belässt Frisch es nicht dabei, scheiternden kritischen Strategien den Spiegel vorzuhalten. Seine Antwort zeigt auch auf, wie es gehen könnte, auf der Grundlage der Selbstkritik eine bessere, präzisere und vielfältigere kritische Praxis zu entwickeln. Wenn diese Kurzintervention weitere Diskussionen über kritische Comiczugänge eröffnet: An uns soll es nicht scheitern.

Und in eigener Sache: Mit #5 haben wir den Download-Dokumenten ein neues Layout gegönnt und im Webbereich können nun die Abbildungen durch Anklicken vergrößert werden. Wir stellen in kurzen Features die Kunstschaffenden unserer Cover vor, den Anfang machen Kate Carruthers Thomas (Cover) und Matthias Latza (ComicKontext). Darüber hinaus sind die Hauptbereiche unsere Homepage nun auch in englischer Sprache verfügbar – hiermit möchten wir unseren Ansatz, die Comicforschung stärker zu vernetzen, fortführen.
Wir danken den Autor_innen ebenso wie den Rezensent_innen und wünschen Ihnen und Euch viel Freude an dieser Ausgabe.

Kiel, November 2018
Das CLOSURE-Team
 

Herausgeber_innen

Victoria Allen
Cord-Christian Casper
Kerstin Howaldt
Julia Ingold
Gerrit Lungershausen
Marie-Luise Meier
Susanne Schwertfeger
Rosa Wohlers

Redaktion & Layout

Victoria Allen
Cord-Christian Casper
Chris Ullrich Cochanski
Sandro Esquivel
Constanze Groth
Jana Hanekamp
Kerstin Howaldt
Julia Ingold
Gerrit Lungershausen
Marie-Luise Meier
Susanne Schwertfeger
Simone Vrckovski
Rosa Wohlers

Technische Gestaltung

Sandro Esquivel
Marie-Luise Meier

Cover & Illustrationen

Kate Thomas (Ausgabe #5)
Matthias Latza (ComicKontext)

Externe Gutachterin

Nina Mühlemann

Kontakt

Homepage: http://www.closure.uni-kiel.de
E-Mail: closure[@]comicforschung.uni-kiel.de