Dezent, aber mit Vorschlaghammer.

Jeff Lemires Black Hammer hat Durchschlagskraft. Black Hammer #1: Vergessene Helden rezensiert von Gerrit Lungershausen

Einst waren sie Held_innen in Spiral City, heute Einsiedler_innen im strukturschwachen Rockwood. Die Ex-Superheldenclique von Jeff Lemires Serie Black Hammer verarbeitet ihren sozialen Abstieg in die Bedeutungslosigkeit mittelamerikanischen Provinzalltags.

Die sechsköpfige Patchworkheldenfamilie um Abraham Slamkowski, Randall Weird, Barbalien, Madame Dragonfly, Talky-Walky und Gail, kann die Stadtgrenzen nicht verlassen, ohne von einer unbekannten Macht zu feinstem Held_innen-Staub pulverisiert zu werden. Während der Roboter Talky-Walky daher Sonden konstruiert, um Signale von außerhalb der Stadt zu bekommen, haben die anderen sich in der neuen Welt eingerichtet. Mehr oder weniger. Eher weniger.

Die heroische Familie.

Mark Markz oder Barbalien, der Warlord vom Mars, ist als Späher auf die Erde entsandt worden, um die Menschen verstehen zu lernen. Er nimmt die Identität eines Streifenpolizisten an und lebt dessen Leben. Seine homosexuelle Orientierung muss er vor seinen Kollegen aber verbergen, und so fühlt er sich als Freak. Seine doppelte Identität ist also nicht nur ein Effekt seiner Körperwandlungsfähigkeiten, sondern markiert auf der psychischen Ebene auch die Differenz zwischen einem privaten und einem öffentlichen Selbst: Als Marsbewohner wie als Homosexueller muss er sich gleichermaßen verstecken: »Alles, was wir hier tun, ist uns verstecken. Verstecken, wer wir wirklich sind.«(78) Dass Lemire die heroische Doppelidentität als Metapher für gesellschaftliche Themen und individuelle Krisen benutzt, hat er selbst in einem Interview bestätigtt: »Just trying to get to the emotional truth of each of these heroes, and then use all the big superhero stuff as a metaphor for what’s going on internally.« (https://ew.com/article/2016/05/24/jeff-lemire-black-hammer-superhero-farm-comic/)

Abraham Slamkowski scheitert zunächst bei der Musterung: Wie Captain America möchte er in den Zweiten Weltkrieg eingreifen, wird aber als »Winzling« abgewiesen: »Sie sind kurzsichtig, dürr wie ein Zahnstocher und ihre Lungen sind schwach.« (83) Dank intensiver Einheiten am Punchingball und beim Sparing mit seinem Mentor, Punch Socklingham, wird aus dem Hänfling ein Kerl. Nach der Ermordung seines Mentors durch Geldeintreiber mutiert Abe Slam zum Gesetzeshüter. Soweit die origin story von Abraham Slamkowski aka Abe Slam. Er ist schon als Held ein Oldie gewesen.

Randall Weird ist 1956 auf eine interplanetare Reise aufgebrochen, von der er nicht mehr zurückgekehrt ist. Randall überschreitet die Grenzen der gesunden Astronautenintuition – »Ich sehe mir das mal näher an.« (118) – und strandet in der ›Parazone‹, einer raum- und zeitlosen Welt, durch die hindurch er sich überallhin bewegen kann, aber überall gleich einsam und verstört ist.

Die anderen, Madame Dragonfly, Abigail Gibbons alias Golden Gail, spielen vor allem im zweiten Band eine größere Rolle. Lemire hat versucht, die einzelnen origin storys stilistisch spezifischen Phasen der Comicgeschichte zuzuordnen: »Golden Gail was a Golden Age Captain Marvel/Shazam-type hero. Abraham Slam would also be a Golden Age hero, a sort of pulpy crime-buster character from the ’30s or ’40s. Then you have Colonel Weird, who started off as the clichéd 1950s Mystery in Space kind of Adam Strange/Captain Comet guys, and then Barbalien was more of a Bronze Age/Silver Age hero, and then Madam Dragonfly was totally a ’70s-’80s House of Mystery, early Vertigo kind of character.« (https://ew.com/article/2016/05/24/jeff-lemire-black-hammer-superhero-farm-comic/)

So ist es auch kein Zufall, dass Lemire die beiden Männer, die in #6 Jagd auf Madame Dragonfly machen, sich gegenseitig als Lennie und Bernie bezeichnen lässt, sondern eine Hommage an Len Wein und Bernie Wrightson, Schöpfer des legendären Swamp Thing (1971), dem Lemire einen kurzen Gastauftritt in der Handlung von Black Hammer gewährt.

Der kanadische Autor und Zeichner Jeff Lemire ist momentan unglaublich präsent: Spätestens seit seinem großen Erfolg mit Essex County (2008f.) und dessen Nominierung für einen Eisner Award ist die Branche aufmerksam, wenn Lemire etwas Neues veröffentlicht. Sein Werk ist vielfältig. Neben der Mehrgenerationen-Familiengeschichte in Essex County hat er sich auch an Science-Fiction-Storys wie Descender (2015-18), Endzeitszenarien wie Sweet Tooth (2009-13) oder bereits etablierten Superheldencomics wie Animal Man, Green Arrow oder Justice League versucht. Im Rahmen des Comic-Salons Erlangen wurde seinem Werk eine Ausstellung gewidmet, in der die Vielfalt seines Schaffens sichtbar wurde. Lemires Stärke besteht darin, Genrestücke zu schreiben, in denen die Figuren nicht als blasse Aktanten von Genrekonventionen agieren, sondern stets als Figuren mit psychologischer Tiefe erscheinen. Dies verbindet seine SF- oder Endzeitsujets mit den Comics, in denen es um Familie geht: The Underwarer Welder (2012) oder Essex County. Black Hammer, von dem Lemire sagt, dass ihn diese Story schon seit langem umgetrieben habe, passt hervorragend in diese Reihe.

Die heroische Patchworkgemeinschaft steckt nun also auf dieser Farm in der mittelamerikanischen Einöde fest und kann sie nicht verlassen. Lemire macht aus diesem Problem mehr als nur ein Handlungselement im Problem-Krise-Lösung-Verlauf, sondern wirft die Figuren in eine Situation von existentieller Bedeutung: Wie kam ich hierher? Wie komme ich weiter? Der Vergleich mit Alan Moores und Dave Gibbons Watchmen (1986), in dem die Superhelden ihre besten Tage hinter sich haben, liegt nahe, trügt aber zugleich. Lemire geht es weder um die Diskussion von Machtverhältnissen noch um den Entwurf dystopischer Zukunftsphantasien. In seinen Welten, dies gilt für Essex County wie auch für Descender, steht das Persönliche im Vordergrund.

Black Hammer wurde 2017 als beste Serie mit einem Eisner Award ausgezeichnet und fĂĽr mehrere weitere nominiert. 2018 ist die Serie erneut in der Juryauswahl. Vier mal. Ich drĂĽcke die Daumen.

 

Black Hammer #1
Vergessene Helden
Jeff Lemire (A), Dean Ormston (Z) und Dave Stewart (K)
Bielefeld: Splitter, 2018
184 S., 19,80 Euro
ISBN 978-3962190811