Der Horror lauert auf der nächsten Tupper- oder Kosmetikparty

Some Other Animal’s Meat rezensiert von Astrid Acker

Horror kennt viele Gesichter, vor allem aber sehr hässliche: der Clown Pennywise aus Stephen Kings Es sollte neben dem stereotypischen Zombie oder der makabren Maske von Leatherface für viele zu den klassischen Gesichtern des Schreckens gehören. Doch Horror kann viel mehr, vor allem kann er sich in viele verschiedene und ungewöhnliche Gewänder hüllen. Und so demonstriert Emily Carroll in ihrem Webcomic Some Other Animal’s Meat, wie sich psychologischer Horror mit heimischen Kosmetikparties zu Körperpflegeprodukten verknüpfen lässt und in das Gewand des (vermeintlich) Schönen schlüpft.

Wer hätte schon geahnt, dass der Horror auch im heimischen Wohnzimmer auf Verkaufsparties, wie wir sie von Tupperware oder Mary Kay kennen, lauern kann? Oder hinter einem gepflegten menschlichen Körper, der durch Beautyprodukte optimiert werden soll? Emily Carroll, seit ihrer ersten Veröffentlichung eines Webcomics im Jahre 2011 unter anderem mit zwei Eisner Awards ausgezeichnet, zeigt in ihrer Veröffentlichung namens Some Other Animal’s Meat, wie eine Kosmetikparty zu Körperpflegeprodukten zum wahren Alptraum werden kann. Dabei hat die Geschichte um Stacey, die als Verkäuferin der Marke Alo Glo von Heim zu Heim zieht und Handmassagen verteilt, mit den früheren Webcomics vor allem gemeinsam, dass die erste – vielleicht noch flüchtigere – Lektüre einer Begegnung mit einem David Lynch Film ähnelt: Sie wirft mehr Fragen auf als sie eindeutig beantwortet. So entsteht der Eindruck, man könne das Puzzle endgültig lösen, wenn man nur alle Einzelteile in der richtigen Kombination anordnet. Doch am Ende bleiben immer einige Teile übrig oder das allerletzte Teil will einfach nicht in die einzige verbleibende Lücke passen. Wer sich bereits mit Carrolls Werken beschäftigt hat, wird daher sicherlich bestätigen, dass es selten bei nur einer einzigen Lektüre bleibt.

Stilistisch ist sich Carroll treu geblieben – die Zeichnungen bleiben wie in früheren Webcomics (zum Beispiel His Face all Red oder Margot’s Room) durch ihre Cartoonhaftigkeit eher abstrakt, ohne jedoch den Horrorcharakter zu schmälern. Die Begegnung mit dem Unheimlichen, die sich in Carrolls Werken häufig schleichend vollzieht, wird durch die Experimentierfreudigkeit mit Panelrahmungen und dem Layout unterstrichen. So dekonstruiert Carroll in Some Other Animal’s Meat nicht nur durch die Kosmetikindustrie etablierte Schönheitsideale, indem sie die groteske Hässlichkeit im Verschönerungsprozess durch Close-Ups karikiert (Abb. 1), sondern gleichzeitig auch die Gestaltungsmittel des Comics, wenn sie rahmenlose mit gerahmten Panels kombiniert oder auf Umrandungen der Sprechblasen verzichtet.

Abb. 1: Das Groteske entlarvt durch extreme Close-Ups.

Der Webcomic erstreckt sich hierbei auf insgesamt neun Seiten, die sich zwar durch ihre Gestaltung auf den ersten Blick sehr voneinander unterscheiden, aber dennoch diverse Motive und Gestaltungstechniken miteinander teilen, sodass ein stimmiges Grundkonzept entsteht. So changiert die Hintergrundfarbe von Weiß zu Schwarz und markiert so gleichermaßen den Wechsel von Tag zu Nacht, sowie auch das Aufbrechen der Panelgrenzen häufig durch Sprechblasen oder in Begegnungen mit dem Monster vollzogen wird. Webcomics ermöglichen es den Künstler_innen durch das sogenannte ›infinite canvas‹ (Vgl. McCloud: http://scottmccloud.com/4-inventions/canvas/), das im Gegensatz zur traditionellen Comicseite nicht durch Seitenränder begrenzt ist, Panels nicht mehr lediglich der Leserichtung (westlich: von links nach rechts, von oben nach unten) zu organisieren, sondern viel dynamischere Layouts in eine Erzählung zu integrieren. Auch wenn Carroll die Länge der einzelnen Seiten stark variieren lässt – von sehr kurz und statischem Layout im 3x2 Grid zu sehr lang und wechselnd ungerahmte/gerahmte Panels – so ordnet sie ihre Panels stets zentriert auf der Seite an, sodass sich die Lektüre sehr gradlinig in der Scrollbewegung von oben nach unten vollzieht.

Ein besonderes Stilmittel, das einen Kernaspekt der Erzählung aufgreift, sind die Icons zum Weiterblättern am Ende einer Seite, die in Form von Händen gestaltet sind und somit genau das Körperteil abbilden, das Stacey als besonders abstoßend charakterisiert und das auch zentraler Bestandteil ihrer Vorführ- und Verkaufsparties ist (Abb. 2).

Abb. 2: Hand-Icon zum Weiterblättern.

Durch diesen Ekel vor den menschlichen Händen und auch durch ihre eigene Unverträglichkeit der Beauty-Produkte von Alo Glo, die sie dennoch im Rahmen ihrer Vorführungen an der eigenen Haut anwenden muss, zieht sich eine Kluft zwischen Stacey und ihren Beruf, zwischen sie und ihre Kundschaft und letztendlich auch zwischen sie und alle anderen Menschen, von denen sie sich entfremdet fühlt. Staceys Überlegungen, ob sie nicht womöglich selbst nur durch ihre äußere Hülle wie ein Mensch aussieht, aber innerlich aus einem anderen tierischen Fleisch (ein wörtlicher Verweis auf den Titel des Webcomics) gemacht ist, verpackt Carroll in ein ausdrucksstarkes Widerspiel von Schwarz und Weiß, wobei die Protagonistin stets auch durch die starke Kontrastierung innerhalb der Bildkomposition isoliert ist (Abb. 3).

Abb. 3: Abwechselndes Spiel von Schwarz & Weiß.

Abb. 4: Stacey als Lotion-Marionette einer einzelnen Hand.

Damit greift Carroll Themen wie Verfremdung und Isolation auf, da Stacey zwar in einem sozialen Umfeld arbeitet, aber dennoch nicht dazugehört – was sich darüber hinaus in den Dialogen widerspiegelt, die die Kluft zwischen Stacey und den anderen durch Oberflächlichkeit betonen. Auch ihre Liebesbeziehung bleibt in ihrer Darstellung so ambivalent, dass man sich sogar fragen könnte, ob ihr Freund Keith überhaupt existiert oder nur ein Werk von Staceys Vorstellungskraft ist. So ist er auf der Bildebene lediglich als nicht näher spezifizierbare Form unter der Bettdecke dargestellt und findet nur in einem Dialog seine Verwirklichung auf der Textebene. In der Szene, in der Stacey von einer Freundin nach ihrem Zusammenbruch auf einer Kosmetikparty getröstet wird, erhält jene sogar den Ratschlag, sich bei Schlafproblemen doch einfach vorzustellen, es würde noch jemand neben ihr liegen und schlafen – wodurch Keiths Existenz mit einem großen Fragezeichen versehen werden muss.

Wie so oft rundet Carroll ihre Erzählung zum Schluss hin so ab, dass Erzählweisen vom Anfang wiederholt oder aufgegriffen werden, so wie hier die eingangs formulierte Begrüßung »I begin by saying it’s time« oder die Abbildung eines Alo Glo Flakons. So etabliert sich der eigentliche Horror von Some Other Animal’s Meat nicht durch das unförmige Wesen, das nur noch entfernt an einen menschlichen Körper erinnert und das Stacey heimsucht (oder das vielleicht sogar Stacey ist?), sondern durch den abschließenden Monolog, der die Verdrängung ihrer eigenen Verfremdung durch Alo Glo pointiert zusammenfasst und einen Bogen zum Anfang des Comics und zu neuen Verkaufsparties spannt. Dass Stacey sich somit immer mehr selbst in ein Monster verwandelt, wird zusätzlich durch eine aktuelle Illustration auf Carrolls Startseite (Abb. 4) unterstützt, die Some Other Animal’s Meat thematisch aufgreift und Stacey selbst als verfremdetes Lotion-Monster unter dem Hand-Icon des Webcomics zeigt. Carrolls (Web)Comics beweisen damit, wie ein durchdachtes Zusammenspiel von Schwarz und Weiß eindrucksvoll genutzt werden kann, um Themen wie Isolation und Verfremdung zu verhandeln.

 

Some Other Animal’s Meat
Emily Carroll
<http://www.emcarroll.com/comics/meat/>
Letzter Zugriff am 11.11.2017.