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Über diese Ausgabe

 

Bereits seit einigen Jahren rückt in der geistes­wissenschaftlichen Forschung im Zuge des material turn zunehmend das Ding(hafte) in den Blick. Ansätze, die unter Begriffen wie ›New Materialism‹, ›New Realism‹, ›Speculative Realism‹ oder ›Object Oriented Ontology‹ versammelt sind, hinterfragen die traditionelle Vorherrschaft des wahrnehmenden Subjekts und sprechen dem Objekt Eigenschaften zu, die nicht länger nur in Relation zu einem Subjekt existieren.

Wenn die Dinge in den Blick geraten und Objekte sich widerspenstig der Sprache entziehen, ist es an der Zeit, auch Medien auf ihre Materialität hin zu beobachten – oder abzuklopfen, um beim Bild zu bleiben. ›Stuff matters‹1 – mit Blick auf diese Entwicklung wollen wir und unsere Autor_innen in CLOSURE #3 der Frage nachgehen, ob und inwiefern das auch für den Comic gilt. Trotz aller Aufwertung, Kanonisierung, ›Graphicnovelisierung‹ und Fetischisierung als wertsteigerndes Sammlerobjekt sind Comics immer schon ›stuff‹ gewesen: gesammelte Serien in Pappkartons, Hefte, die sich drehen und wenden lassen, kulturelle Ephemera am Rande der Zeitschriftenabteilung, das massenproduzierte Endprodukt der Arbeitsteilung im Hause DC und Marvel oder klammheimlich kopierte und getackerte Underground-Exzesse als Spaltprodukt mechanischer Reproduktion. Wir interessieren uns für die die »minoritäre Materialität« (Boscagli)2 des ›Comicstuff‹, die bestehen bleibt trotz Bestrebungen der feuilletonis­tischen Aufwertung und musealen Weihe. Wir nehmen ›stuff matters‹ in den Blick – jedoch nicht, weil all das immer und unabdingbar Teil des Comics sein muss, sondern weil die materielle Verfasstheit des Comics im Comic oder in der Comicforschung immer wieder aufgegriffen, markiert, verleugnet, betont oder in vernetzte und virtuelle Welten übertragen werden kann. Dingtheorie des Comics also – und im Comic: denn sind Dinge im Comic anders präsentiert als die Sachen, auf die wir in anderen Medien stoßen? Ist die Materialität eines Comicobjektes anders codiert? Was kann ein Comicding, was ein Romanding oder Filmmaterie, oder ein Videospielobjekt nicht kann – und wie wird es bezeichnet?

Diesen und vielen andere Fragen gehen Lars C. Grabbe, Katrin Ullmann, Simone ­Vrckovski und Alexander Press in dem Schwerpunkt­kapitel ›stuff matters‹ nach, dem auch in dieser Ausgabe ein offener Themenbereich vorausgeht, in dem Daniel Stein, Katharina Eck und Henning Jansen aktuelle Beiträge zur Comicforschung präsentieren.

Den Anfang macht Daniel Stein aus Siegen, der in seinem Beitrag über Jeremy Loves Bayou methodische Reflexionen mit der exemplarischen Analyse eines Comics verbindet. Bayou beleuchtet die Situation der afroamerikanischen Bevölkerung in den amerikanischen Südstaaten des 20. Jahrhunderts. Unter dem Titel »Zu den Potenzialen einer kulturwissenschaftlichen grafischen Literaturwissenschaft« erläutert Stein, wie comicspezifische Beobachtungen in Kombination mit einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft es ermöglichen, Loves fantastischen und zugleich kritischen Comic in seinem vollen Anspielungsreichtum und politischen Gewicht zu erfassen.

Katharina Eck aus Bremen widmet sich einem close reading von Gabriella Giandellis interiorae. Der Comic enthält einen Countdown bis zum Zusammenbruch eines Hochhauses, von dessen toten und lebendigen, fantastischen und realistischen Bewohner_innen die Zeichnerin episodenhaft erzählt. »Houses are Organisms« lautet der Titel des Aufsatzes. Eck kommt zu dem Schluss, dass sich in der Graphic Novel hierarchische Denkmuster von Territorien auflösen und sich dafür ein organisches Prinzip der Querverbindungen und des Nomadentums etabliert – zumindest für die Figuren, die am Ende nicht einsam mit dem Hochhaus untergehen.

Daniel Steins Vorschlag für einen kulturwissenschaftlichen Ansatz realisiert ­Henning Jansen (Heidelberg) in seinem Aufsatz »Masks, Muscles and Monkeys«. Er nimmt US-amerikanische Superheldencomics der 1940er Jahre unter die Lupe, streng genommen deren Superschurken, die nationale Stereo­type repräsentieren. Captain Nazi und Captain Nippon versinnbildlichen die Feinde der USA im Zweiten Weltkrieg. Jansen deckt auf, »inwiefern Ideologie im Comic durch Bildsprache kommuniziert wird.« Die Comics liest er als historische Quelle, um die US-amerikanische Kultur zu charakterisieren. Unter Einbeziehung der historischen Situation gelingt ihm der Nachweis, dass Comics zu Kriegspropaganda werden können.

Der erste Beitrag des themenbasierten Bereichs ›stuff matters‹ nimmt den ›Comic als Ding‹ in den Blick: Lars C. Grabbe aus Münster spürt in seinem Beitrag »Comic goes Virtual« dem digitalen Potential von Comics nach. Er wirft einen Blick in die Zukunft und führt uns zu den neuesten Entwicklungen im Bereich der Virtual Reality. Er beschreibt, wie sich die Medialität eines Comics verändert, wenn er mit Hilfe eines head mounted display nicht mehr auf einer zweidimensionalen Bildfläche, sondern in einem dreidimensionalen Raum rezipiert wird. Seine »phänosemiotische Analyse« lehrt uns, dass in der materiellen Verfasstheit des Comics sowie in den Möglichkeiten seiner Theoretisierung noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Von der Materie des Comics zur Materie im Comic: Katrin Ullmann aus Düsseldorf wendet sich konkreten Gegenständen in der erzählten Welt zu. Mit Birgit Weyhes Im Himmel ist Jahrmarkt und Line Hovens Liebe schaut weg stellt sie zwei Comics vor, die gezielt gezeichnete Objekte einsetzen, um von Tradition und Familienzugehörigkeit zu erzählen. Sie werden zu ›Dingsymbolen‹, an deren Vorhandensein die Familiengeschichte hinterfragt wird. Die historischen Gegenstände und Dokumente, die in einem realistischen und detaillierten Stil dargestellt sind, bezeugen die Authentizität des Comics und bürgen für die Allgemeingültigkeit der Schicksale der Figuren.

Eine weitere Dimension der Materialität leuchtet Simone Vrckovski (Kiel) aus, wenn sie sich unter der Frage »Grüne Fluoreszenz?« den »Voraussetzungen der visuellen Vermittelbarkeit von Radioaktivität« widmet. Hier geht es also darum, wie das visuelle Medium Comic darstellbare, also materielle Lösungen für eine unsichtbare Strahlung findet. An einigen Beispielen aus der Comicgeschichte des 21. Jahrhunderts bespricht sie unterschiedlichste Möglichkeiten, dieses Problem anzugehen. Während in einem Comic nur der Verfall der Figuren und ihrer Umwelt die Anwesen­heit der schädlichen Strahlung impliziert, strahlen radioaktive Gegenstände in anderen Comics in grellen Farben.

Zurück zu konkreten Erinnerungsobjekten geht es in Alexander Press’ (Bremen) Aufsatz »Der Mann mit Eigenschaften. Die Attribute des Asterios Polyp«. Als die Wohnung des Protagonisten von David ­Mazzucchellis Asterios Polyp in Flammen aufgeht, nimmt dieser drei Gegenstände mit, als er fluchtartig hinausstürzt. Press legt die Bedeutung dieser Objekte als Dingsymbole für die Struktur der gesamten Erzählung offen.

Die Rubrik ›ComicKontext‹ beinhaltet nicht nur einen ausführlichen Bericht über unsere im September veranstaltete Tagung zum Thema »Anfänge und Neuanfänge im Comic«, sondern auch ein Interview mit einer der Zeichnerinnen des Spring-Magazins. Redaktionsmitglied Julia Ingold hat die Hamburger Zeichnerin ­marialuisa getroffen und mit ihr über die aktuelle Ausgabe The Elephant in the Room gesprochen. Wie immer freuen wir uns, im Rezensionsteil einen Mix an Besprechungen von Fachliteratur und Comics zu bieten.

Die Herausgeber_innen

 

 

Herausgeber_innen

Cord-Christian Casper
Chris Ullrich Cochanski
Sandro Esquivel
Yanine Esquivel
Kerstin Howaldt
Julia Ingold
Gerrit Lungershausen
Susanne Schwertfeger
Rosa Wohlers

Redaktion & Layout

Cord-Christian Casper
Chris Ullrich Cochanski
Sandro Esquivel
Yanine Esquivel
Constanze Groth
Jana Hanekamp
Kerstin Howaldt
Julia Ingold
Gerrit Lungershausen
Marie-Luise Meier
Susanne Schwertfeger
Dennis Wegner
Rosa Wohlers

Technische Gestaltung

Sandro Esquivel
Marie-Luise Meier

Cover & Illustrationen

Sandro Esquivel (Ausgabe #3)
Matthias Latza (ComicKontext)

Kontakt

Homepage: http://www.closure.uni-kiel.de
E-Mail: closure[@]comicforschung.uni-kiel.de