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Über diese Ausgabe

 

Was ist ein Comic? Diese Frage hat die Comicforschung trotz ihrer momentanen Hochkonjunktur noch nicht letztgültig beantwortet. Und das soll auch so bleiben! Die einzelnen Fachdisziplinen können so aus unterschiedlichen Perspektiven Antworten finden, Übereinstimmungen und Unterschiede aufzeigen und der Vielfalt des Comics Rechnung tragen. CLOSURE #1, die erste Ausgabe des Kieler e-Journals für Comicforschung, fängt das breite Spektrum dieser produktiven Diskussionen ein.

Ob es um die erzählerischen Mittel des Comics, seine Zeichenkombinationen oder seine medialen Besonderheiten geht – die Aufsätze in CLOSURE #1 sind interdisziplinär verständlich, dabei aber durchaus kontrovers. Es gibt eben nicht den einen Comic oder das eine Kriterium, das ihn von allen anderen Medien unterscheidet. Jeder Comic, aber auch jeder comicwissenschaftliche Aufsatz verändert den Blick auf das sequenzielle Erzählen mit Bild und Schrift. Auch unsere redaktionelle Arbeit lebt von der konstruktiven Auseinandersetzung: Die Mitglieder unseres Redaktionsteams, die 2013 mit der Planung dieser ersten Ausgabe begonnen haben, denken und schreiben auf vielfältige Weisen über Comics – so soll auch CLOSURE die ganze Breite der aktuellen Debatten widerspiegeln. Diese sollen allen zugänglich sein: CLOSURE #1 richtet sich an Neueinsteiger_innen in die wissenschaftliche Welt ebenso wie an etablierte Expert_innen für Bild und Text, Panel und grid – und ist dabei konsequent dem Prinzip des Open Access verpflichtet.

Was sagt uns die Zeichnung einer Zeichnung eines Gemäldes einer Pfeife über Comics? Und was hat comicspezifische Abstraktion mit Donald Ducks Verkleidungen zu tun? Lukas Wildes Beitrag schlägt anhand dieser Fragen Basisunterscheidungen vor, die den Comic als Medium erfassen, ohne seine Eigenschaften festzuschreiben. Seinen innovativen medienwissenschaftlichen Ansatz verdeutlicht der Aufsatz anhand einer Sequenz aus City of Glass, auf die auch der Beitrag von Janina Wildfeuer und John A. Bateman eingeht. Sie richten den Blick auf die Leerstellen des Comics und somit auf das titelgebende Phänomen unserer Zeitschrift: closure. Mit den Mitteln der multimodalen Linguistik beschreiben die Autor_innen dynamische Prozesse der Bedeutungsrekonstruktion. Der Beitrag zeigt: Comics erfordern Interpretationsaufwand, sie machen es ihren Leser_innen nicht immer leicht. Das gilt auch für die Werke Philippe Squarzonis. Karen Genschow widmet sich in ihrer detaillierten Analyse den  globalisierungskritischen Comics des französischen Zeichners, in denen Text und Bild auseinanderdriften. Das Erzählen ist nicht ohne weiteres möglich, und gerade die Schwierigkeit, die Panels zu ›entziffern‹, gibt ihm laut Genschow seine politische Pointe. Der Comic hinterfragt, was wir gemeinhin für Realität halten.

Auch Betül Dilmacs Forschungsgegenstand, die Comics um die Geheimnisvollen Städte, macht einfache Deutungsmuster unmöglich: Indem die Quantenphysik der Serie als Erzählmodell dient, wird der Comic zu einem Medium der Verunsicherung und Selbstreflexion. Comics reflektieren aber nicht nur sich selbst, wie Véronique Sina feststellt – sie stehen in einem Wechselverhältnis mit anderen Medien. Sinas medienhistorisches Kaleidoskop umfasst den Film genauso wie die visuelle Apparatur des Praxinoskops. Der Comic kann filmisch werden, der Film wiederum misst sich mit dem Comic, sodass wir auch hier nicht von dem Comic sprechen können. Wie der letzte Beitrag von Janwillem Dubil anhand von Blau ist eine warme Farbe zeigt, kann die kreative Auseinandersetzung des Films mit der Vorlage so weit gehen, dass er zuweilen »›comichafter‹ als der Comic selbst« wirkt.

Darüber hinaus versammelt CLOSURE #1 Rezensionen, die aktuelle Forschungsliteratur beschreiben, analysieren, kontextualisieren und – nicht zuletzt – bewerten. Die Autor_in­nen stellen nicht nur neue Forschungsansätze vor, die sich mit politischen und dokumentarischen Comics oder den Grundbausteinen des Mediums auseinandersetzen. Auch eine vielfältige Auswahl aus dem Spektrum aktueller Comics wird kritisch besprochen, von Lovecrafts Monstern über Flix’ brandenburgischen Quijote bis hin zu Marvels neuestem Spandex-Epos.

Was also ist ein Comic? Die Autor_innen der ersten Ausgabe geben darauf verschiedene, sich ergänzende, aber auch abweichende Antworten, und das ist – im Sinne des interdisziplinären Zugangs, den Comics erfordern – auch gut so. Wir freuen uns darauf, mit Ihnen in den kommenden Ausgaben von CLOSURE weitere Antworten zu finden.

Die Herausgeber_innen

 

Die erste Ausgabe ist von PerLe (Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen) im Rahmen des Qualitätspakts Lehre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert worden. Wir danken dem PerLe-Team herzlich für diese Unterstützung!   

 

Herausgeber_innen

Cord-Christian Casper
Julia Ingold

Gerrit Lembke
Susanne Schwertfeger
Rosa Wohlers

Redaktion & Layout

Cord-Christian Casper
Constanze Groth

Julia Ingold

Gerrit Lembke
Marie-Luise Meier
Susanne Schwertfeger
Dennis Wegner
Rosa Wohlers

Technische Gestaltung

Marie-Luise Meier

Cover & Illustrationen

Volker Sponholz (Ausgabe #1)

Kontakt

Homepage: http://www.closure.uni-kiel.de
Email: closure[@]comicforschung.uni-kiel.de

 

Wir danken Ingrid Paulsen (Kiel) für ein externes linguistisches Fachgutachten.

Das Projekt ist von PerLe (Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen) im Rahmen des Qualitätspakts Lehre unterstützt worden. Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01PL12068 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor bzw. der Autorin.