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Schaulust und Sinnsuche im Plastikparadies

Skydoll rezensiert von Jenifer Baer und Marie-Luise Meier

Leuchtende Farben und drollige Hauptcharaktere bilden die ästhetische Fassade der Graphic Novel Sky Doll und erwecken den Anschein einer bunten, wenig intellektuellen Lektüre. Ein Eindruck, der täuscht. Barbara Canepas und Alessandro Barbuccis Puppenspiel handelt von religiösem Fanatismus, der Rolle der Massenmedien und der Frau als Werkzeug männlicher Lust. Wobei nicht immer ganz klar ist, ob die Auseinandersetzung mit letzterem wirklich als Kritik zu verstehen ist. Kann sich Skydoll gegen den Vorwurf des Sexismus behaupten?

Sky Doll ist eine italienische Graphic-Novel-Serie, die 2000 erstmals in Deutschland veröffentlicht wurde. Zum verspäteten Erscheinen des vierten Bandes Sudra (2014) entschied der Splitter Verlag, die Reihe neu aufzulegen, wobei lediglich die wesentlich kleinere Schrift und der Hardcovereinband der Neuauflage ins Auge fallen. Nach ihrem ersten gemeinsamen Projekt W.I.T.C.H. (2001), einem jugendgerechten Comic aus dem Hause Disney, der die drollige Geschichte von fünf Hexen erzählt, überrascht Sky Doll durch seine sexuell aufgeladenen Bilder. Dieser Comic richtet sich an ein erwachsenes Publikum.

Noa, eine wohlgerundete und zugleich weiblich anmutende Androidin, in viel nackte Haut und etwas rosa Stoff gekleidet, spricht zu Gott. Sie ist eine Sky Doll, geschaffen, um die Bedürfnisse der männlichen Konsumenten zu befriedigen. Infolge einer Auseinandersetzung mit Gott, ihrem Vorgesetzten der Autowaschanlage ›Heaven‹, beschließt Noa, mit Hilfe der Missionare Roy und Jahu zu fliehen. Was wie eine Pilgerreise der Selbstfindung ins Herz der kunterbunten Welt erscheint, offenbart schon bald die fanatische Politik und die verkommende Gesellschaft des Comic-Kosmos. Über diese regiert die lüsterne Ludowika (im italienischen Original: Lodovica), Noas Gegenspielerin und Päpstin. Ihren Status als Heilsbringerin und Wundertätige festigt sie mit Hilfe der Macht der Medien. Warum die riesige Maus, die Noa vorsteht, Gott heißt? Man weiß es nicht. Obwohl der erste Band eher arm an Handlung ist und lediglich die Welt vorstellt, hält er sich in seinem bunten, augenfälligen Chaos mit klaren Aussagen zurück. Mehr als viele andere Graphic Novels verlangt Sky Doll, dass die Leser_innen sich die fehlenden Handlungselemente selbst erschließen.

Der religionskritische Kern der Graphic Novel wird bereits in der Covergestaltung deutlich: Der Neonschriftzug ›Lodovica’s Chapel‹ schmiegt sich an die Gebäudekuppel im Hintergrund. Das Bauwerk ist im Stil gotischer Kirchen gehalten und zeigt eine Königsgalerie, eine horizontal verlaufende Fassadengliederung, die durch mehrere Königsfiguren strukturiert wird. Vor ihr steht Noa, der von einer Ratte ein Heiligenschein über das kahle Haupt gehalten wird. Niemand kann sich der Kirche entziehen. Sie durchdringt alle Bereiche des Lebens, übt Kontrolle auf die Mitglieder der Gesellschaft aus. Religion und Glaube dienen als Mittel zum Zweck.

Doch was ist mit der wohlgerundeten Frau auf dem Weg zur Selbstfindung? Sky Dolls sind Massenware, von Männerhand geschaffen und verkauft. Gottgleich hat der Mann die perfekte Frau, sexuell verfügbar und von makelloser Schönheit, erschaffen. Eine Frau nur für ihn. Bereits auf den ersten Seiten werden die Puppen hinter glänzenden Schaufensterscheiben feilgeboten.

Noa muss sich von ihrem Chef, Gott, aufziehen lassen.

Die Funktion der Sky Dolls wird wenig später noch einmal hervorgehoben: Im Schlafzimmer des Missionars Jahu findet Noa eine andere Sky Doll, die reglos auf dem Bett liegt. Mit weit geöffneten Beinen ist sie das Objekt der Begierde schlechthin, Inbegriff männlicher Lust und Symbol dessen, was Noa nicht sein möchte. Stattdessen versucht sie, von einem fremdbestimmten Objekt zu einem selbstbestimmten Individuum zu reifen und diese Gesellschaft, die ihr das Gefühl von Austauschbarkeit gibt, hinter sich zu lassen. Dennoch stehen ihre Rundungen oft im Zentrum der Bilder, wie das Titelcover deutlich macht. Dort ist ihr nackter Oberkörper dem Blick der Betrachter_innen geradezu ausgeliefert. Große, dunkel geschminkte Augen und volle, rosarote Lippen betonen die Weiblichkeit der Puppe. Rosa, das ist die Farbe der Frauen, assoziiert mit der Färbung weiblicher Geschlechtsorgane, Naivität und Hilflosigkeit. Und die Darstellung setzt sich fort: Knappe, enganliegende Kleider als Dresscode der Sky Dolls provozieren unausweichlich antifeministische Vorwürfe. Die Graphic Novel greift diese auf beinahe ironische Weise auf: Waagerechte Stoffbahnen über Brust und Po erinnern an Zensurbalken, die die intimsten Körperstellen verbergen. In den meisten Fällen zumindest: Päpstin Ludowika präsentiert sich noch nackter und lasziver als ihre Gegenspielerin Noa.

Die Panels, die mit den Sky Dolls in Verbindung stehen, rücken die sekundären Geschlechtsmerkmale der Puppen in den Fokus. Ansichten des gesamten Körpers wechseln sich mit Close-ups ab, die entweder die Brust, das Gesäß oder das Gesicht betonen. Leser_innen und Charaktere werden als Voyeur_innen, als Mittäter_innen der Gesellschaft inszeniert, die gleichermaßen lustvoll das nackte Fleisch beschauen. Zerstückelt in ihre begehrlichen Einzelteile wirkt Noa in den Panels keineswegs ermächtigt. Gerade auf den ersten Seiten wird ihre Schwäche und Verletzlichkeit durch ein ungleiches Größenverhältnis zwischen der Sky Doll und ihrem Arbeitgeber, aber auch durch extreme Auf- und Untersichten, künstlerisch dargestellt. Ohne Rechte und die Freiheit zur Selbstbestimmung bleibt sie der Gesellschaft, vor allem den männlichen Wesen, unterlegen. Als Gegenentwurf zu den Puppen tritt die stark übergewichtige Fernsehmoderatorin und echte Frau Frida auf, die gelegentlich als Erzählerin fungiert. Ebenfalls in rosa Stoff gehüllt und geschminkt ist auch sie einem bestimmten Frauenbild unterworfen. Dennoch hebt sie sich mit Hilfe ihres hochgeschlossenen Kleides und der barocken Frisur deutlich von den aufreizenden Sky Dolls ab. Auch sie wirkt am Ende wie eine bunt bemalte Leinwand, ein Werkzeug der Medien. Frida blendet die faschistische Gesellschaft nicht mit ihrem Körper, sondern mit ihrer Stimme und ihren Lobpreisungen der Päpstin.

Schließlich stellt sich die Frage: Ist Noa mehr als nur ein Sexobjekt, ein Stück austauschbarer Massenware, das der Lustbefriedigung des Mannes dient? – Ja. Im Unterschied zu ihren gottergebenen Schwestern, die sich den Kunden gegenüber stets fröhlich lächelnd präsentieren, zeichnet sie sich durch eine abwechslungsreiche Mimik aus, die ihre Gefühle wiederspiegelt. Auch der Drang, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und einen ganz eigenen Weg einzuschlagen, macht sie zu einem Individuum. Tatsächlich vermittelt die Graphic Novel durch Noa, die ihre Stimme gegen ihren Chef, Gott, und gegen ihren Begleiter Jahu erhebt, das Bild einer Frau, deren Umfeld noch zu mächtig ist, um sich binnen eines Bandes gegen es aufzulehnen.

Hinsichtlich Handlung und Inszenierung weist der Comic innerhalb des Science-Fiction-Genres einige Innovationen auf. Nur selten wurde eine von Medien regierte Welt bisher so farbenfroh dargestellt, wenngleich Sky Doll in einigen Punkten ein widersprüchliches Bild vermittelt. Die klar angeordneten Panels täuschen Ordnung vor, doch in Noas Welt regiert das Chaos. Ratten fungieren als Heilsbringer, eine halbnackte Päpstin predigt falsche Wunder, und ein hübsches Püppchen, das seine Bestimmung sucht, muss mit Hilfe eines Schlüssels alle dreiunddreißig Stunden von einem Mann aufgezogen werden. ›Die‹ Deutung sucht man vergebens: Statt ihrer offenbaren die vielfältigen Teilstücke durch ihren gesellschaftlichen und künstlerischen Gehalt ein freudvolles Durcheinander der Lesarten.

 

Skydoll #1
Die gelbe Stadt
Barbara Canepa (W), Alessandro Barbucci (W/P)
Bielefeld: Splitter, 2014
48 S., 14,80 Euro
ISBN 978-3-86869-710-0